Was ist der Ursprung aller Religiösität?
Alle Stämme und Völker entwickelten - unabhängig von einander - Religiösität. Warum?
Tiere kennen keine Religion.
Also ist Religiösität eine menschenspezifische Eigenschaft. Wie kam der Mensch zur Religion?
Ganz allgemein definiert, entspringt die Fähigkeit, religiöse Weltbilder zu erstellen,
der menschlichen Fähigkeit, die Naturerscheinungen auf Zusammenhänge
und Ursachen ableiten zu können. So ist es naheliegend, das ganze Geschehen auf eine
"Kraft" zurückzuführen, die uns sich sinnlich nicht erschließt, aber trotzdem
als existent angenommen werden muss.
Diese "Kraft" begründet aber noch lange nicht die Existenz eines
oder mehrerer Götter, die in
der Lage sind, mit den Menschen zu kommunuzieren und ihnen bei Willfährigkeit gutzutun.
Diese Hoffnung mag in der kindlichen Angst vor überpotenter Macht und ihrer Hoffnung und
Erfahrung mit den Eltern begründet liegen. Deswegen heißt es ja auch: Der Vater im Himmel. Diese Gottesvorstellung ist eben patriarchialer Prägung entstanden...
Was die Menschen vom Tier unterscheidet, ist erstens die Arbeit, mit der er bewusst in die Natur eingreift und sie zu seinem Vorteil verändert.
Aus dieser Erfahrung, der Schöpfererfahrung, wird der Mensch schon in seinem Anfang die Erkenntnis der Ursächlichkeit aller Dinge gewonnen und den Gedanken extrapoliert haben: Wer produziert denn die Natur? Und wer produziert uns? Wird der Schöpfer uns vernichten, wird er uns erhalten, so wie wir das mit unseren Produkten zu vermögen tun? Wir vernichten sie, wenn sie schlecht sind, wir erhalten sie, sind sie gut. Daher wollen wir lieber gut sein und Gott nicht zürnen.
Mit der Menschwerdung hat der Mensch einen Part aus dem Naturkreislauf Mensch - Natur heraus gebrochen: die menschliche Produktion nämlich - und unter seine Verantwortung gestellt.
Und seine Arbeit hatte er gewiss nicht immer gut gemacht. Die daraus entstandenden Nachteile mögen in seinem Bewusstsein die Gottesstrafe dafür gewesen sein, den Anspruch zu erheben, die Lebens-Mittel besser zu produzieren, als die Natur, resp. Gott, das tat.
Die Genese der Menschheit ist vorzüglich in der Schöpfungsgeschichte der Bibel beschrieben. Man muss sie nur richtig interpretieren1):
Der Mensch aß vom "Baum der Erkenntnis" und wurde dafür aus dem "Paradies" vertrieben.
D.h., er entwickelte Verstand - und unterlag der Versuchung, diesen Verstand auch zu gebrauchen.
Er fing an, mit seiner Arbeit in die Natur einzugreifen, einerseits, weil die zufälligen Naturereignisse, wie Dürre und Konkurrenz um die Reviere, ihm keine andere Wahl ließen, andrerseits, weil die Neugierde ihn trieb und weil er Annehmlichkeiten, Vorteile, entdeckte, von denen er nicht mehr lassen wollte. Und fortan musste er für die Dinge, die er zum Leben brauchte, arbeiten. Je kälter die Regionen waren, die er besiedelte, umso mehr. "Im Schweiße seines Angesichts!" Es gab kein Zurück. Das war die Vertreibung aus dem intakten Versorgungskreislauf der Natur, den zum "Paradies" verklärten Lebensort. Wo es auch nicht immer freundlich zuging und zugeht, wie jede Gazelle mit Löwenerfahrung zu berichten weiß...
Die Schöpfungsgeschichte des AT besteht aus zwei verschiedenen Geschichten. Nach der zweiten verführte der Teufel Eva dazu, Adam von Baum der Erkenntnis essen zu lassen. Gott wollte also die Menschwerdung nicht, wollte nicht, dass die Tiere zu Menschen und "den Göttern gleich" (Genesis) werden. Das heißt, dass wir - nach dem Part der Schöpfungsgeschichte - unser Menschsein dem Teufel zu verdanken haben, und Gott uns das Abenteuer "Menschheit" nicht gönnte und sich dafür bisweilen - z.B. mit Genozid (Sintflut) - höchst launisch rächte... Was ist das für eine Geschichte? Die eines menschenfeindlichen Gottes, einer menschenfeidlichen Religion! Nach dieser Geschichte war allenfalls der Teufel für unsere Existenz...
Was den Menschen also vom Tier unterscheidet, ist seine intelligente Arbeit und ihre Basis, der Verstand. Eine neue Wahrnehmungsebene zu den tierischen Sinnen, die Wirkungszusammenhänge erkennen lässt und den Trieb zur Erkenntnis in sich trägt.
Der Verstand muss verstehen und konnte am Anfang nicht verstehen.
Das unverstandene, nicht einzuordnende Fremde machte Angst.
Wir lernten, dass Sonne, Wind, Regen, Donner, Wasser und alles ihre Wirkung untereinander und auf uns haben, verstanden aber nicht ihre Funktionen. In dieses Wissensvakuum stieß die Religion und wir besetzten diese unverstandenen, angst machenden Objekte mit Götterbildern. So schuf (und schafft) man sich ein geschlossenes Weltbild, das erst mal als Antwort auf alle Fragen, als (scheinbar) sinnvolles Gefüge - als Geistesbild, als (angenommenes) Wesensbild der Realität - zufrieden stellte. Zufrieden stellen musste.
Die Maya z.B. interpretierten die ganze Erde als ein einheitliches lebendiges Wesen. Womit sie eigentlich nicht ganz daneben lagen.
Wir waren nicht mehr "eins" mit der Natur, wir schauten, aus der Natur "vertrieben", in sie hinein. So gewann sie Konturen, die gemäß unseres Unwissens und der Deutungssüchtigkeit unseres Verstandes Bildern entsprachen, die oft den Bildern und Dämonenbildern verstörter fünfjähriger Kinder entsprechen (Archetypen, C.G. Jung).
Das soll keine abfällige Bemerkung sein. Die Menschheit war noch in der Kleinkinderphase der Menschheit, ohne den Schutz sozialer Sicherungen (Gesetze), medizinischer Kenntnis usw., Vertriebene in einer fremden, Angst machenden Welt, in der es nur hart zu leben war.
Der Griff der Menschen mit ihrer Arbeit in die Natur hinein, forderte Kenntnisse, die sie benötigten, um diese Arbeit zu leisten. Wie wird der Boden bestellt, welche Pflanzen dienen unserer Ernährung, wie kann man sie optimal züchten, welche äußeren Daten wie Naturkatastrophen, Wintereinbruch usw. sind zu beachten, und wie kann man sich vor ihnen schützen? Wie vor fremden Tieren, wie kann man sie erlegen, wie werden sie zugebreitet, dass sie genießbar sind?
Wir waren aus der Natur heraus getreten und hatten nur die Chance, die nötige Verbindung mit ihr durch Verstandesleistung her zu stellen.
Auch Tiere waren Naturkatastrophen ausgeliefert, aber wir entwickelten neue Abhängigkeiten mit unserer Emanzipation. Tiere waren der Natur ergeben. Aber wir fanden uns nicht mehr mit allem ab - wir wollten mehr. Wir waren in der Lage, mehr zu verlangen. Und wir brauchten auch mehr.
Neben der Natur, dem Ur-Zustand der Natur, schafften wir einen ganzen Kosmos von Kultur, unsere zweite Natur, von der wir immer mehr abhängig wurden. Die Bedürfnisse konnten nur noch durch menschliche Produktion befriedigt werden.
Die erforderten Fertigungskenntnisse und die Fähigkeit zur Weitergabe der Fertigungskenntnisse lieferte der Instinkt als quasi eingebaute Festplatte nicht mehr mit. Kenntnisse wurden gesammelt, die Produktion wurde durch Zukommen immer wieder neuer Ideen verbessert, wobei die besseren Produkte auch die Bedürfnisse veränderten.
Durch die ersten Arbeitsteilungen wurden Abhängigkeits- und Befehlsstrukturen geschaffen, die für die Menschen notwendig, aber un-natürlich waren.
Eine Sozio-Kultur entstand, die mit ihren Verwebungen und vielen neuen Fragen und Aufgaben für die Menschen damals eine hohe Anforderung und gewiss eine Überforderung war.
Wir waren einem Prozess des Lernen Müssens von Dingen unterworfen, die wir nicht verstanden.
In ihrem Emanzipationsprozess von der Natur empfanden die Menschen erstmals bewusst ihre Abhängigkeit von ihr.
In ihrer Tierwelt, aus der sie ja entsprangen, war die Kommunikation mit der Natur wortlos, bewusst-los, aber sie funktionierte. Angebot und Nachfrage waren harmonisiert. Wo kein Angebot war, wurde die Nachfrage herunter gefahren. Sprich: Die Tiere suchten sich neue Lebensräume oder mussten verenden.
Jetzt musste eine funktionierende Kommunikation neu aufgebaut werden und immer weiter neu. Der Mensch in seiner neuen Zeit, erfuhr zwar einen Überlebenstriumph, fühlte sich aber trotzdem verloren und suchte sich seinen vertrauten Kommunikationspartner mit neuem Bewusstsein wieder neu. Dieser "vertraute Kommunikationspartner" war (und ist) die NATUR, die, gemäß dem geistigen Zuwachs in der Menschennatur, zu dem Geistwesen GOTT mutierte. Und entfremdete.
Wir kommen, neben der Arbeitserfahrung und dem Verstand mit seinem Erkenntnisbestreben, zu der dritten Determinante, die für die Entstehung der Religionen verantwortlich ist: die menschliche Sprache.
Die menschliche Sprache ist das Kommunikationsinstrument, das Arbeitsteilung durch Vernetzung der Arbeit ermöglicht und mit dem Erfahrungen weiter gegeben werden können.
Und mit diesem Kommunikationsinstrument konnten auch die ersten intellektuellen Beziehungsmuster zur Natur und der menscheninneren Natur (mit Jungs Archetypen) ausgetauscht und zu einem Gemeinschaftsgut gemacht werden.
Mag sein, dass der noch als frisch gewonnen empfundene menschliche Verstand von Anfang an in Konkurrenz zu den tierischen Sinnen (des Menschen) stand, die er natürlich, wie alles andere, auch nicht begriff und sie, wie jedes unerfahrene Wesen das tut, egozentrisch aus sich abgrenzte und als außen stehend, sie aber - zu recht!, als sie beherrschend, als mystische Geistwesen, als Götter empfand. So wurden die ersten Religionen geboren!
So sind alle Gottwesen, die der Mensch erschuf, sicher als Korrelate seines Unwissens von seiner Außen- und Innenwelt zu verstehen: D.h., die Götter der Naturreligionen, wie z.B. der Sonnen- und der Regengott, sind Korrelate des Unwissens von der Außenwelt. Die als archaische Symbole wirkenden Figuren der Religionen der Naturvölker, die von ihrem Aussehen nichts mit der Natur zu tun haben können, wie z.B. Voodoo-Symbole, sind wahrscheinlich Korrelate des Unwissens von der Innenwelt.
Der Gott der zehn Gebote hat als eine soziologische Komponente noch eine andere Qualität, ist aber natürlich auch ein Korrelat zum Unverständnis der Außenwelt.
Der monotheistische Gott der Gebote ist kein Gott von Naturphänomenen oder Archetypen, für die wir irgendwann keine Götter mehr brauchten, oder vielleicht doch noch - weil die Menschen ja gerne an der Vielgötterei fest gehalten hatten. Stammensführer wie Moses aber auf den Monotheismus beharrten. Denn die Zeit war reif für den Monotheismus, einen Gott der Gesetze und der Moral. Denn eine Gemeinschaft wird nur zusammen gehalten durch eine Gesetzgebung und eine Moral. So musste sein Gott natürlich ein alleiniger, monotheistischer sein.
Wir erkannten irgendwann, dass wir Gesetze und moralisches Verhalten brauchen, um ein funktionierendes Gemeinschaftsleben aufrecht zu erhalten. Wenn ein Stamm über eine Sippenstärke hinaus wächst, drängt sie diese Frage auf.
Die Menschen werden dieses notwendige Regelwerk als wie ein auf sie zugekommenes Geistwesen betrachtet haben, das der Gemeinschaft gesundes Leben in einen sonst siechen oder toten Körper einzublasen vermag - und so ein "Geistwesen" konnte, nach gewohnter Weltbildgestaltung, doch nur ein GOTT sein...
Die ersten Staatenbilder werden keine ausgereifte Vorstellung von einem funktionierenden Staat gehabt haben, nicht das nötige ausgebildete Personal für Rechtssprechung, Strafverfolgung und Strafvollzug (Richter, Polizei, Gefängnis), um sich die nötige Autorität dem Volk gegenüber zu schaffen. Die Volksanführer (wie Moses) mussten sich bei dieser Aufgabe überfordert und sicherer gefühlt haben, sich einer Überautorität wie Gott zu bedienen, die auch gehörig Angst machen konnte und das Volk zusätzlich disziplinierte. Vielleicht waren die sich auch selber einer Unterstützung Gottes gewiss, wenn und weil die Sache nicht hätte anders funktionieren können. In das Bewusstsein, Gesetz und Staat eigenverantwortlich gestalten zu können (und es auch vorher nie mit Gott bekommen zu haben), wuchs die Menschheit erst langsam hinein. Es ist noch gar nicht lange her, dass die Kaiser sich noch der Gottesprotektion sicher waren - und sich bisweilen auch entsprechend benahmen...
Der monotheistische Gott erfüllte gegenüber den vielen Göttern der Natur-Religionen also eine ganz andere Funktion: Der Mensch machte aus ihn den Schutzpatron seiner eigenen Kultur, die es erst noch, ohne Grenzbestimmung, zu entfalten galt. Diese Grenzenlosigkeit, die der Mensch gewiss schon früh ahnte, alles werden zu können: GOTT werden zu können, machte auch unsicher, was die Standortbestimmung im ganzen Weltgeschehen, und ihrer Verantwortbarkeit, betraf. So schnitzte er sich einen neuen Gott, der aus dem Paradies Entlassene, der Verlassene, der zu früh allein Gelassene, das verwaiste, einsame Kind - der Mensch ist also nicht das Ebenbild Gottes, sondern Gott ist das Ebenbild des Menschen. "Das Bewusstsein des unendlichen Wesens ist nichts anderes, als das Bewusstsein des Menschen von der Unendlichkeit seines eigenen Wesens. Das Geheimnis der Religion ist das Geheimnis des menschlichen Wesens selbst." 2)
Karl Marx bezeichnete die Religion lediglich als den "Seufzer der bedrängten Kreatur", als "das Opium des Volkes" 3), als schädliche Droge, die die Menschen nur von der Schaffung des Paradieses auf Erden abhalten kann.
Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, erkannte in der Religion nichts als eine psychische Störung, eine Form von kollektiver Zwangsneurose: Gott sei der in den Himmel "erhöhte" leibliche Vater, von dem man sich nicht lösen könne - der Gläubige nichts als ein auf der Infantilitätsstufe der Entwicklung Steckengebliebener.
Möglich auch, dass Freud von dem Menschen eine kulturelle Reife erwartete, die er noch gar nicht haben kann und erst bekommen wird. Dass er, Freud, "frühreif" und zu ungeduldig mit seinen Mitmenschen war.
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1) siehe auch den Absatz zur "Erbsünde" im Artikel "Zur Genese von Moral und Gesetz"
2) Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung
3) Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte