Gemäß der umgangssprachlichen Definition ist Religion der Glaube an einen Gott (oder mehrere Götter).
Mit diesem Gott (oder diesen Göttern) stehen wir in unmittelbarer Kommunikation. Er kann (sie können) uns Weisungen erteilen, ungnädig gestimmt sein und wir können ihm (ihnen) folgen, ihm (ihnen) Besserung versprechen und seine (ihre) Gnade erflehen. Diese Götter können, dieser Gott kann, uns bis zur ewigen Höllenfolter strafen und bis zum ewigen paradiesischen Leben reich belohnen.
Der klassische Buddhismus bildet da eine Ausnahme. Er kommt ohne einen Gott aus, wird aber trotzdem gemeinhin den großen Weltreligionen zugeordnet. Was ihn jedoch mit den anderen Religionen verbindet: Er vertritt ein festes Weltbild und hat ein Lebenskonzept, das sich an etwas über die normale sinnliche Erfahrbarkeit Hinausreichendem orientiert. (Siehe als Beispiel den Artikel über "die buddhistische Erlösungstheorie".)
Die Analyse des Begriffs "Religion" gibt dabei folgendes her: Das Wort "religio" kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Rückbindung an...." Damit ist die Rückbindung an Ursächlichkeiten, Grundlagen, gemeint, die nicht mehr weiter hinterfragt werden, hinterfragt - "rückgebunden" - werden brauchen oder werden können. Sie ist die Rückbindung an die Erste Ursache. Das kann mit der Ursache der Erde und des Universums physikalisch oder mit (scheinbar) unbegründbaren Werten wie der Liebe und der Gerechtigkeit ethisch gemeint sein.
Nach gottgläubiger Vorstellung ist Gott der Schöpfer des Universums - weil er die Erste Ursache aller Existenz ist. Nach Vorstellung der meisten Gottgläubigen ist ihr geistiger Chef auch der Schöpfer der Liebe und der Gerechtigkeit.
Aber nach der Analyse des Begriffs "religio" ist Gott in ihm nicht zwingend involviert. "Rückbinden" kannst du dich auch an die Überwindung der Geburtenkette, dem Nirwana. Und schlussendlich kannst du dich auch an einem aktuellen Stand der Astrophysik "rückbinden", nach dem der zeit- und raumlose Zustand, aus dem das Universum kommen muss, auch die Erste Ursache ist! (Siehe Kapitel: "Der Siegeszug der Kosmophysik")
Du kannst dich auch an die Einsicht "rückbinden", dass man vielleicht niemals nichts genaues weiß... Ist das nicht auch eine ehrenwerte, weil aufrichtige, "Rückbindung"? Das heißt, dass auch ein Atheist, sofern er sich um ein geschlossenes Weltbild bemüht, und an Generalorientierungen wie die Gerechtigkeit glaubt - eigentlich religiös ist.
So war Religion ursprünglich auch konzipiert: Als reales Weltbild, als Kulturentwurf, als Stein der Weisen, der die Menschen aus dem Irrlauf jenseits des Paradieses in die Einkehr in ein neues "Paradies" erlöst. Dazu brauchten die Menschen IDEEN, ein ganzes Ideenpaket - und seine Umsetzung in die Realität. Aber mangels dieser (realtauglichen) Ideen überhöhten sie diese zu einem Gott. Gott ist die Idee, die sie nie hatten!
Die "Erb"-Sünde, die die Menschen begangen hatten, war nicht der Genuss vom Baum der Erkenntnis, sondern das Nicht-Eingeständnis, davon zu wenig zu haben. Die "Erb"-Sünde war und ist das Verlassen des Bodens der Realität!
Der Atheist, das ist ja - gemeinhin - einer, der in der sinnlichen Wahrnehmung seiner Umwelt stecken bleibt, einer der nicht nach dem "Dahinter", nach dem Wesen fragt. Der Gottgläubige hingegen ist "spirituell", religiös - also tiefer gehend.
Diese Begriffsverschmierungen haben viel mit der schon viele Jahrhunderte währenden Herrschaft der christlichen Kirchen hier zu tun. Alles was nicht kirchlich ist, wird auch sprachlich zurückgestuft. Nicht nur den Atheisten geht das so. Abspaltungen von der Mutterkirche werden abfällig als "Sekten" bezeichnet, und die großkirchliche Propaganda hat es fertig gebracht, sie in der öffentlichen Meinung als obskur, frömmlerisch, weltfremd und irregeleitet darzustellen - während die Kirchen ja die authentische Lehre vertreten.... Da gibt es keinen Dialog, keinen Austausch um des Verständnisses Willen, sondern nur Vernichtungskrieg... Kein Verhaltensbeispiel für die Jugend... Irgendwo jedoch naheliegend, dass die, die am lautestesten nach "Gott" schreien, ihm (resp. seinen ihm unterstellten Qualitäten) am meisten fern sind. Irgendwo naheliegend, dass die, die die Nächstenliebe am lautesten lehren, aber von Gott erst mal empfangen haben möchten - statt sie zu leben - dieser Nächstenliebe am ehesten verschlossen sind.
Neue Religionen, die nicht auf der Basis der Mutterkirche fußen, wie seinerzeit die Sannyasin, sind noch gut bedient, als Sekte bezeichnet zu werden. Heidnische Ausrichtungen - die das Christentum damals ja mit der Hilfe der römischen Tribune verdrängte - werden noch geringer gesetzt und als "Kulte" bezeichnet...
