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Satanisten



Es sind nicht nur die christlichen Sekten, die dem Urstamm der Kirchen als Äste gewachsen sind. Manche, mit den Kirchen Unzufriedene, konvertierten zum Buddhismus, manche zum Hinduismus, wenige zum Islam. Ein Thema für sich. Ich will jetzt über den Satanismus reden:

Satanismus kam vermutlich mit der gewaltsamen Ausbreitung des Christentums als monotheistische Religion auf. Wenn es einen "guten" Gott gäbe, dann müsste es doch auch einen "bösen" Gott - Satan - geben, der das Gegenteil vertritt. Wem in unseren Breitengraden Wotan als "böse" ausgetrieben wurde, war noch lange nicht zum Christentum bekehrt, sondern durchaus anfällig für satanische Kulte. Das ganze Mittelalter war voll von Dämonenkulten und Hexerei.
Die Aufklärung gab den antichristlichen Kulten Auftrieb, die für manche Leute die Symbole für Freiheit und gegen den christlichen Rigidismus waren.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewann durch Aleister Crowley der Okkultismus eine gewisse Popularität.

Es gibt Satanisten verschiedener Coleur. In den USA gründete 1966 ein gewisser Anton Szandor LaVey die "Church of Satan" und verfasste die weltweit beachtete Satanische Bibel. Zahlreiche Berühmtheiten zählten zu seinen Anhängern.
LaVey verkehrte die christlichen Werte wie Selbstlosigkeit, Gottesfurcht und die (gerade in Amerika besonders ausgeprägte) sexuelle Prüderie in ihr Gegenteil: Egowahrnehmung, Gottesverachtung, Lusterleben. (Deswegen auch das umgedrehte Kreuz.) Er erinnerte irgendwie an Nietzsches "Umwertung aller Werte". Der Mann predigte Morallosigkeit und Gesetzesbruch. Er predigte nicht das gemeinschaftsverträgliche Leben. So sah - im streng religiösen Amerika - sein Protest gegen zweifelhafte christliche Ethik aus. Aber er hatte sich mit der rigorosen Umkehrung der christlichen Lebensschablone exakt an diese gehalten. Nur hatte er aus weiß schwarz gemacht.
Er entflocht nicht - wie übrigens auch nicht Nietzsche mit seinem Übermenschen - das Moralgeflecht in christlich verengte und notwendige, gemeinschafts- und persönlichkeitsfördernde Moral. Die brauchen wir, weil wir alle nicht nur Einzelwesen sondern auch Gemeinschaftswesen sind.
Deswegen behaupte ich: Wenn LaVey auch aus der christlichen Unterdrückung - durchaus mit intellektueller Schärfe - auszubrechen versuchte, mit der exakten Verkehrung der Christenmoral in die Morallosigkeit hatte er es nicht geschafft, sich mit Bausch und Bogen seiner christlichen Wurzeln zu entledigen. Er unterlag dem selben Fehler der Religionsverhafteten: Er hielt Religion und Moral für eine symbiotische Verbindung und meinte, sich auch der Moral entledigen zu müssen, will er sich der Triebunterdrückung der Religion entledigen. Sein Ausbruchsversuch ist aller Ehren wert. Wenngleich sein Misslingen eine merkwürdige Konzeptionslosigkeit von Lebensunerfahrenheit erkennen lässt - und die spiegelverdrehte Handschrift christlicher Erziehung und nie überwundener Gefangenschaft im Christentum in sich trägt...
Die Christen sind die Letzten, die sich über einen Religionsstifter beschweren dürfen, der sich mit seinen Jüngern aus einer Moralunterdrückung befreien will, die ihm aber eine soziale Wahrnehmung mit gegeben hat, aus der er ein Konzept erschaffte, das von vorne bis hinten zum Leben und Nachleben nicht taugt...

Satanisten sind nicht organisatorisch gebunden. So gibt es solche und solche. Auch solche, die, anders als LaVey, mit ritualistischen Blutopfern sadistisch vorgehen. Pubertäre, Neugierige und echte Spinner.
Was brachte sie dazu?
Unverarbeitete Verletzungen und Enttäuschungen, die ihre Seelen dunkel machten. Und das zum "richtigen" Zeitpunkt gemachte satanistische Angebot: Wir therapieren dich nicht, so persönlich werden wir nicht, aber wir ritualisieren deine wirklichen dunklen Gefühle, diese kalt gewordene Wut, diesen Hass, die Aggression!
Was hat das Christentum diesen innerlich isolierten Menschen zu bieten? Hosianna und Jenseitsversprechen bei Aufgabe des Glaubens an die Realität. Da kommt das satanistische Angebot, sich mit der Dunkelheit der Gefühle zu beschäftigen, seiner Seele deutlich näher, als es die Kirche interessiert, ihr nahe - respektvoll nahe - zu kommen, mit Verlaub!

Die Kirchen wird der Satanist mit der Bürgerwelt besetzen, die ihn so enttäuschte. Deren Seelsorger, inklusive ihrem allmächtigen Gott, haben auch nichts für sein Heil getan!
So kann es geschehen, dass der von den Kirchen und der als kirchenkonform empfundenen Umwelt Enttäuschte auf die satanistische Seite kippt. Wer so sein Leben ritualisiert, kann sich erstens an allen rächen, die ihm offensichtlich nie nahe kommen konnten und zweitens fühlt seine Seele einen Hauch von Vergegenständlichung in der realen Welt - die in dem Fall sein auch außen sichtbarer Satanismus ist.


Die Verlorenen und Verzweifelten - alle Religionsgemeinschaften haben dieselbe erste Klientel! Und alle schickten sie nicht zum Psychotherapeuten, der sich um die speziellen Leidensprofile der Patienten kümmert, sondern zur Heilung in die irreale Transzendenz.
Sie verbaut den Weg in die Heilung! Auf diesem Wissensstand sollten mittlerweile auch die Religionsverhafteten sein. Ob sie nun Gott oder dem Teufel zugehörig sind...

Wer den Hass kultiviert, der hat den Zugang zu seinen Aggressionen verloren.
Ebenso gilt: Wer die Liebe kultiviert, also ritualisiert, fetischisiert, hat den Zugang zur Liebe verloren! Der hebt die Liebe in den Himmel, und hier unten auf Erden schmalzt er nur herum...

Gewaltvideos haben auch so einen fetischisierenden Charakter. Sie sind die satanischen Predigten der Neuzeit, die ebenfalls die Bezüge zu den wirklichen Aggressionen blockieren und in ein unwirkliches Panorama übersetzen. (Wir dürften - nicht nur - das Erfurter Massaker am dortigen Gutenberg-Gymnasium im April 2002 noch gut in Erinnerung haben.)

Auch hier, wie bei allen religiösen Ritualen, gilt: Es ist besser, die Aggressionen und Frustrationen real an die Hörner zu packen und seine Ursachen anzugehen!

Aber ist es denn richtig, die Christen für alles verantwortlich zu machen?
Nee. Für alles nicht. Aber sie sind ein nicht wegdenkbarer Teil unseres Kulturbodens.
Die christliche Religion hat ihn in den letzten 1800 Jahren in unseren Breitengraden wie keine andere Institution geprägt. Ist es da nicht nahe liegend, dass man die religiösen Auswüchse die wir erleben, mit seinem Mutterboden in Verbindung bringt?
Ernst zu nehmende Sozialstruktur- und Kausalitätsanalysen würden den Zusammenhang nicht nur zwischen Sekten und dem Kulturstamm "Kirche" sondern auch zwischen dem Satanismus und dem Kulturstamm "Kirche" bestätigen.
Statt einer ignoranten "Was-hab-ich-damit-zu-tun?"-Haltung wäre HANDLUNG angesagt!



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