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Reue und Verzeihen


Reue setzt Einsicht in eigenes Fehlverhalten und Mit-Empfinden voraus.
Bekannte Reue ist jedoch oft nicht viel mehr als eine verstandesgeleitete Einsicht, nicht recht gehandelt zu haben. Sie wird bekannt, weil das Bekenntnis erwartet wird und das Strafmaß mildert.

Der Adressat der Reuebekennung muss der Mensch sein, dem du Unrecht getan, beleidigt, erniedrigt oder anderweitig verletzt hast - kein Richter, kein Gott.
Recht und Gesetz stehen dem Verletzten beiseite, um ihm die Genugtuung der Bestrafung seines Peinigers zu geben. Die Strafe muss für das Misstrauen der Menschen gegen falsch bekundete Reue stehen!

Ist es nicht so, dass der gottgläubige Mensch reuefähiger ist als der Atheist? Macht die ritualisierte Beichte die Menschen nicht zu besseren Menschen? Veredelt nicht erst die religiöse Domestik den Menschen zu einem empathischen Menschen?
Es ist unsinnig, einen Gott zum Adressaten deiner Reuebekennung zu machen, denn dem hast du nichts getan. Ein Gott wäre zudem nicht verletzbar.
Warum rennen die (gottgläubigen) Reuigen dann aber zu Gott und begnügen sich nicht damit, den verletzten Menschen die Reue zu bekennen, und sie um Verzeihung zu bitten? Sie tun es, weil die Gnade des HErrn ihnen mehr Vorteile, als die Gnade des verletzten Menschen bringt! ER trägt das Füllhorn des Ewigen Lebens, von dem die ihren Teil haben wollen und um ihn bangen. Sie setzen nicht auf das Verzeihen des Beleidigten, sie setzen auf das Verzeihen des - unverletzbaren - Gottes! Das hat nichts mit aufrichtiger Reue, sondern mit egoistischer Vorteilsgewinnung zu tun! Gottesglaube verführt zu einer Unaufrichtigkeit, die jeder normal fühlende Mensch, der aus dieses Glaubensdiktaten befreit ist, nur als abstoßend empfinden kann! Diese Falschheit seines Verhaltens mag auch der Religionsverhaftete selbst erkennen - und in weitere, tiefere Gewissenskonflikte stürzen. Diese Religion befreit seine Gläubigen in Sachen Schuld nicht durch aufrichtige Reue in eine Ent-Schuldigung, im Gegenteil - sie treibt sie immer tiefer in die Schuld hinein!

Nicht Gott ist es, oder der Glaube an einen Gott, der die Menschen gesellschaftskompatibel macht, es ist der Aufbau einer passenden Infrastruktur, eines passenden Gesetzeswerkes, einer entsprechenden Erziehung und Bildung - und ausreichende Entfaltungsmöglichkeiten, die das tun. Was an Empathie - und Reue und Verzeihen - möglich ist, das gibt uns die Natur in uns - und nicht irgend ein Gott. Und wir - mit den Instrumenten unserer Kultur - holen sie aus uns heraus!

Die Fähigkeit zur Reue - das ist auch die Fähigkeit zur Selbstkritik.
Die Fähigkeit zur Reue setzt die Fähigkeit des Mit-Fühlens voraus.
Wer mitfühlt, liebt.
Wer liebt, der hat Liebe erfahren und weiß, dass er Liebe braucht und diese Liebe verlieren kann, wenn er den Menschen nicht das tut, was er für sich selber von den Anderen haben möchte.
Wer fühlt und liebt, der tut dies mitunter auch bedingungslos - also ohne an seine Vorteile zu denken, auch nicht um die Ecke gedacht.
Und nur, wer reut, kann auch Verzeihung empfangen.
Und nur der kann verzeihen, der ehrliche Reue empfängt.

Wer nicht bereuen kann, hat keine Chance, sich aus seiner Schuld zu lösen. Und wer nicht verzeihen kann, verstrickt sich in neues Leid. Das sind keine Gottesdiktate, sondern psychologische Reflexe. Die sind erkannt, und diese Erkenntnis hilft uns auch nur, wenn wir sie nicht göttlich verklären - und damit unbegreifbar - für menschliche seelische Operationen ungefügig - machen.

Reue darf keine hohle Erwartungsbefriedigung (eines Gottes, aber auch nicht der Gesellschaft) sein, sie muss aus dem Inneren kommen, aufrichtig, "vom Herzen" sein.
Auch das Verzeihen darf keine leere Bekundung sein, weil die Umwelt sie - um des lieben Friedens Willen - so erwartet. Schnell wird dem der "Schwarze Peter" zugeschoben, der eine Bitte um Ent-Schuldigung versagt. Aber eine Floskel als Entschuldigung wird oft nicht als eine solche erkannt. Da ist die Umwelt gefordert, sich um die Konflikte der Mitmenschen näher zu kümmern. Jeder Mensch kann anhand von solchen Fallbeispielen die Notwendigkeit erlernen, mit seinen Mitmenschen, Freunden, Kollegen, Brüdern und Schwestern feinmotorischer umzugehen.



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