(Fortsetzung Vorkapitel)
Aus diesem Nebelreich der Unkenntnis mussten Moral und Gesetze möglicherweise so entstehen, wie sie entstanden sind, nämlich mit der Verbindung zur Gottautorität. Manche behaupten, dass ohne dem Trick der Installation der Gottautorität die Menschen nie zu dem Mitgefühl für Schwache befähigt worden wären. Kant nahm das auch an.
Was bedeutet das? Dass wir uns selbst verarschen müssen, um uns auf den richtigen Weg zu bringen? Oder dass in der Moral letzlich doch der Odem Gottes ist, was nur nicht (naturwissenschaftlich) zu beweisen ist?
Vielleicht verdanken wir das spezifisch westliche Sozialempfinden, aus denen letztlich die Sozialversicherungen und die Fürsorge für die Schwachen und Alten entstanden sind, in der Tat diesem besagten Trick. Nun ist über die Generationen der anerzogenen Nächstenliebe uns die Erfahrung gewachsen, dass dieses Konzept ein gutes und intelligentes ist! Es ist besser, füreinander da zu sein, als sich die Köpfe einzuschlagen! Die Arbeitsteilung lehrt uns, dass miteinander zu arbeiten die Arbeitseffektivität erhöht.
Die Entdeckung und Erfahrbarkeit der Nächstenliebe (der sozialen Mitempfindung und der entsprechenden Arbeit für die bedürftigen Menschen) wäre den Menschen auch ohne Gottesglauben gelungen, weil sie uns Vorteile bringt!
Manche behautpten, dass auch die neuzeitlich spezifische soziale Form der Demokratisierung in unseren Breitengraden durch diese erfahrene (und gottinspirierte) Moral der Weg mitgeebnet worden sei. Wenngleich die Kirchen diesem Prozess entgegen standen: Es seien zwar die eher atheistischen philosophischen Aufklärer gewesen, die die Idee der Demokratie voran brachten, die aber trügen ja erziehungstechnisch diesen Geist (der Nächstenliebe) schon in sich, den die dann (ohne Gott) in seine Vergegenständlichung trugen. Die Wiege der Demokratie ist aber Griechenland, wo in den Stadtstaaten lange vor Christus diese Regierungsform schon praktiziert wurde. Wenngleich die Sklaven keine Stimme hatten. Stimmen hatten nur die Angehörigen einer gebildeteren Minderheitsschicht. Die Regel "One Man - one Vote" hatte sich da noch nicht durchgesetzt. Dazu mag das Christentum letztlich doch - auf diesem gerade beschriebenen indirektem Weg - seinen Einfluss gehabt haben.
Wir dürfen also durchaus auch positive Einflüsse der Religion erkennen - oder wenigstens als möglich - einräumen. Das heißt aber nicht, dass wir dadurch - vor lauter Dankbarkeit - den Blick für das Negative verlieren. Der Stand unserer Erkenntnis ist ein anderer als vor 2000 Jahren. Es ist die Macht der Kirche gewesen, die ausnahmsweise auch ein erfreuliches Gesellschaftskonzept (mit)installierte - der Odem Gottes war das nicht! Die Nächstenliebe steht in der Vernunft und in der Bedürftigkeit der Menschen geschrieben, und sie hätten auch über andere Wege zu diesem Ziel gefunden! Es ist unlauter, zu behaupten, dass dieser geschichtliche Weg, den wir gegengen sind, der einzige gangbare gewesen sei!
Und wir brauchen keine Angst davor zu haben, die Verantwortung für Moral und Gesetz von Gott in die Hände der Menschen zu geben. Denn: In Gottes Händen waren sie nie, sie waren immer in den Händen der Herrschenden in all ihrer Verantwortung und Verantwortungslosigkeit. Und heute haben wir die Werte durch jahrhunderte, jahrtausende währender Erfahrungsprozesse in unseren Köpfen und Herzen eingefangen: das Wissen von den Vorteilen für uns Menschen von Moral und Gesetz. Wenn dieses Wissen in einen Dienst an Gott verzerrt wird, der uns allenfalls einen günstigen Platz im Himmel verschafft, dann vertun wir die Vorteile eines Sozialisierungsprozesses im Licht der Wirklichkeit: Wenn wir unser Weltbild so real wie möglich erfassen, wenn wir also die Moral ohne Gott erfassen, dass können wie die Funktion dieser Moral besser erfassen und besser in dieser sein und aus ihr heraus handeln!
Wir müssen die Nächstenliebe aus ihrer religiösen Verwachsung befreien! Sie ist nicht einzig die Gottesweisung durch den Herrn Jesus Christus, von "Nächstenliebe" hatten schon die Brahmanen in den vedischen Schriften geredet! Die Nächstenliebe ist ein taugliches Gesellschaftskonzept. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.1) Vor 2000 Jahren, als das Elend der Armen und die Gleichgültigkeit gegenüber ihnen noch normales Verhalten war, als die Brüderlichkeit über die Familienbanden hinaus, die Solidarität noch nicht entdeckt war, hatte es noch die Wucht einer Sensation, die dann schnell zu einer Religion verklärt und entfremdet wurde. Also: Entschlackt die Nächstenliebe von der Religion! Jesus selber war der Lehrer der Nächstenliebe, kein Gott, sondern ein Mensch! Erst Paulus hatte Jesus vergöttlicht und ihm die Wiederauferstehung und die Eigenschaft eines Erlösers von Sünde und Tod unterschoben! Damit hatte er das Interesse der Gläubigen von der Nächstenliebe in ein egositisches Interesse gerückt: Nicht die aufrichtige Nächstenliebe, zu der auch die Wahrheitsliebe gehört, sondern das ewige, paradiesische Leben rückte in den Fokus des Interesses, das für den Glauben an die Wiederauferstehung und Erlösung eingekauft werden konnte. Die großen ehernen Tugenden der Wahrheit und der Liebe stehen so in ständigem Konflikt mit der großen Kardinaltugend des Glaubens und verlieren dadurch an Wert. So hat die Vergöttlichung der Person Jesus' zu einer nachhaltigen Zerstörung seiner ursprünglichen Absichten geführt!
Dass auf einem lügenverseuchten Kulturboden ein stabiles Haus des Glücklichseins zu bauen sei, ist uns nicht mehr weiszumachen!
Aber nicht nur die Vergöttlichung Jesus', schon die Nächstenliebe selber als göttliche, gottgegebene Kategorie hinzustellen, entmachtet ihre menschliche Kraft - sie wird als eine Gottesdirektive gesehen - man "liebt" auf Befehl. Dieser menschlichen und wesentlichen Entkernung der Liebe kann der Gläubige nicht entgehen.
Als positiv ist letztendlich die Idee der Nächstenliebe übrig geblieben. Sie wird für die moralischen Eckdaten, die in unseren Köpfen herum schwirren, verantwortlich sein. Aber wir haben keine praktischen Anleitungen, keine Fallbeispiele nach denen wir üben, keine Sozio- und Psychoanalysen - keinen entsprechenden Schulunterricht. Das alltägliche erlebte Leben zeigt, dass die Nächstenliebe über eine hohle Zielvorgabe - geheuchelte, aber inhaltlich nicht gefüllte Bekenntnisse - nicht hinaus gewachsen ist. Bis in die Vergegenständlichung gewachsen
sind die (dem Konzept der Nächstenliebe entsprechenden) Ideen der eher atheistischen Aufklärer, die aus dem Klima der Geistesfreiheit schöpften, die dem Odem eines nicht existierenden Gottes eindeutig überlegen ist...
Die christliche Religionspraxis selber ist aber für die Entfaltung der Nächstenliebe eher eine kontraproduktive Kraft...
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1) Die Nächstenliebe ist die Herzensseite des (hier schon abgehandelten) Dialogkonzeptes, das die Erkenntniswesen leitet. Sie sind die Herzens- und die intellektuelle Seite eines Systems, dass die Menschen ihre Geschwisterlichkeit erkennen und - zum Vorteil aller - als Geschwister handeln lässt (oder wenigstens lassen soll...).
