Der Naturausgang
In der Tierwelt stellen wir fest, dass der Verlust eines Lebens, auch vor dem Ablauf der biologischen Uhr, ein ganz normales Ereignis ist.
Es passiert dort bisweilen, dass die eigene Brut abgestoßen und tot gebissen wird.
Krokodile z.B. brüten hunderte von Eiern aus, weil die Natur es von vornherein so eingerichtet hat, dass nur wenige aus der Brut den Weg ins Reifealter schaffen. Frisch geschlüpfte Krokodile sind noch so klein und hilflos, dass sie für andere Tiergattungen eine willkommene Beute sind.
Der Schutzinstinkt der Elterntiere scheint nicht ausreichend zu funktionieren, sodass eine Überproduktion von Nachkommenschaft die einzige Überlebenschance der Gattung ist.
Gleiches trifft auch auf den Laich der Fische zu, die in der Nahrungskette nicht die oberste Position besetzen wie z.B. der Hai.
Genauer betrachtet, trifft das auf alle Tiergattungen inkl. der Gattung der Menschen zu. Von der Triebstruktur her drängt alles zur Überproduktion, um erstens die schon einkalkulierten Kindstode zu kompensieren, und um zweitens das Ziel der gemäß den Bedingungen möglichen Hochpopulation zu erfüllen. Je höher die Population, desto erfolgreicher die Gattung - sofern sie ihre Lebensgrundlagen nicht bewusstlos wegfrisst und/oder zerstört.
Wir Menschen müssen sogar unsere Überproduktion mit bewussten Geburtenkontrollen abbremsen, die Gottes intakte Natur ansonsten mit rabiateren Methoden zu regulieren wüsste - wenn wir nicht vorab was täten.
Töten und fressen, getötet und gefressen werden, ist der allgemeine naturheilige Vorgang, der die biologische Existenz des Gesamten erhält.
Diesem Prinzip des Ganzen folgen die Tiere.
Natürlich hat jedes Tier sein Ego. Aber dieses Ego hat seinen naturbestimmten Platz.
Das Feld der Erkenntnis
Der Mensch ist das Tier, das sich den Zugang auf das riesige Feld der Erkenntnis erschloss.
Er ist aber unwissend, solange er sich nur den Zugang und nicht entscheidende Teile des Feldes erschlossen hat.
Und Unwissenheit förderte schon immer ein egozentrisches Weltbild.
Auch der Humanismus lehrte uns, wie wichtig, wertvoll und einzigartig der/die Einzelne ist.
Die selbst so eingeschätzte Einmaligkeit unserer Leben mag gut für unser Selbstbewusstsein sein. Das hat aber seinen Preis: Wir haben etwas zu verlieren, das nie wieder kommt: Unser kostbares Unikat des Lebens! Das erhöhe Selbst-Bewusstsein fordert eine erhöhte Angst vor dem Tod.
Jetzt nehmen wir mal an, dass die Theorie der Polymorphie den Stand der metaphysischen Bewertung und den der nahe liegenden Spekulation verlassen hat und allgemein anerkannt und bewiesen ist: Ein Fenster des Weltgeistes erlischt mit deinem Tod. Die anderen Fenster sind weiterhin auf, in denen du erwachst. (Subjektivbetrachtung: Du bist ja schon da.)
Es schwindet die Angst vor dem Tod - sie schwindet nicht ganz, denn auch die Polymorphie rettet nicht die Erinnerung an dein Leben, sie sagt "nur", dass dein Bewusstsein von dir, in dir, in irgend einer Form nicht stirbt. Es lebt in anderen Zusammenhängen fort, in denen es aber schon immer war.
Aber die Angst verringert sich, denn die Fortsetzung des Lebens ist gewiss!
Der Tod ist nicht mehr so bedeutungsvoll, weil du erkennst, dass er zwar das Ende dieses Lebens, aber nicht das Ende deiner Wahrnehmungsfähigkeit in anderen Leben ist.
Schwindet damit die moralische Bedeutung von körperlicher Verletzung, Totschlag und Mord? Wird Mord zu einem Kavaliersdelikt?
Mord und Moral
Mit der Veränderung der Bedeutungswahrnehmung des Todes wird sich auch die Bewertung des Tötens verändern, ohne Frage, ja!
Das ändert aber nichts daran, dass Töten und Verletzungen menschlichen Lebens dann immer noch schwere Verbrechen sein werden, die ebenso bestraft werden müssen wie jetzt!
Immerhin löscht das Töten in der Tat Leben aus, das für die Hinterbliebenen den selben Verlust und die selbe Trauer kostet wie jetzt auch. Dass die Konsistenz eines jeden Bewusstseins nicht sterben kann, ist wohl ein Trost, schmälert aber nicht den Verlust.
Man muss nicht von der Extremvorstellung der Ausschließlichkeit und Einmaligkeit in die andere Extremvorstellung der Bedeutungslosigkeit pendeln!
Es ist unser gemeinschaftlicher Wille, der die Moral und das Gesetz bestimmt!
Angst vor dem Zerbrechen unseres Moral- und Gesetz-Systems brauchen wir nicht zu haben. Denn solange es von Menschen gemacht ist, wird es ihm auch zu seinem Vorteil sein!
Medizin und Moral
Die Medizin hat im besonderen Maß das Ethos, Menschenleben zu retten, gesund zu pflegen und zu verlängern, wo es eben nur geht.
Der Kern dieses Ethos ist sicher die Angst vor dem Tod, und jede Errungenschaft der Medizin, jeder Sieg über den - vorzeitigen - Tod, hat unsere Leben vor unserem Bewusstsein wertvoller gemacht.
Auch hier stellt sich die Frage: Ändert die Erkenntnis von der Polymorphie das Ethos der Medizin?
Auch hier gilt die Beruhigung: Solange Moral und Gesetz für die Menschen gemacht sind, solange werden sie sich auch nicht gegen sie stellen! Natürlich wird die Medizin der selben humanistischen Linie folgen wie sonst auch. Weil wir das so wollen!
Jedes Individuum auf diesem Planeten wird uns weiterhin kostbar sein.
Und die Medizin wird nach wie vor ihr Generalziel nicht aus den Augen verlieren, den Tod abzuschaffen. 1)
Nur das Klammern an dieses Leben, egal welche Qualität es hat, welchen Schmerz und welche Krankheit es bringt, das wird sich entkrampfen, denn es wird seine aus der Unwissenheit geborenen Verzweiflung verlieren.
Das Ärzte-Ethos geht ja schon heute, auch ohne Polymorphie.Erkenntnis, in diese Richtung und kann auf diesem Wege nur gewinnen.
Eine andere Ethik wird hingegen verschwinden:
Es ist nicht richtig, Babies mit Behinderungen oder schwersten Behinderungen, die sich schon im Embryo-Stadium zeigen, auf die Welt zu bringen! Der Wille der Mutter wird ausschlaggebend sein, aber der wird sich verändern: 1. ist der Zwang zum Leben nicht der Wille Gottes, 2. verliert sich das Bewusstsein der Einzigartigkeit und dass ein Leben besser sei als keins.
Selbstmord und Moral
Aus der Polymorphie-Erkenntnis leitet sich auch eine andere Bewertung des Selbstmordes ab.
Sicher ist ein Selbstmordversuch meistens nur ein relativ ungeschickter Hilferuf an die Mitmenschen, das Leben leben zu helfen.
Die Mediziner kennen das Problem der Euthanasie. Der Lebenswille als der primäre Wegweiser im Dschungel des Lebens ist erloschen. Der Patient ist nicht zu heilen, die Lebenslust nicht zu wecken. Was dann?
Es gibt psychisch Schwererkrankte, denen die Ärzte ebenso hilflos gegenüber stehen. Sie sind noch in der Lage, den körperlichen Betrieb aufrecht zu erhalten. Was aber nur die psychische Krankheit am Leben erhält. Nehmen wir an, der Lebenswille ist irreversibel erloschen, sodass das Abhalten des Patienten von seinem Selbstmord nichts anderes ist als Quälerei. Ist es moralisch, ist es sinnvoll, ein solches Leben zu erhalten auf Teufel komm raus?
Die polymorphe Erkenntnis wird manche Entscheidungsnöte entkrampfen.
Sie wird die Positionierung der Menschen in der Existenz zu seinem Vorteil verschieben, Erkenntnis schafft nicht, Erkenntnis lindert Leid!
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1) siehe Artikel: "Der Sinn des Lebens"
