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Wie mich die Religion erfasste und wie ich mich von ihr befreite



Meine Elternhaus war nicht religiös, aber auch nicht anti-religiös.
Ich bin, 1952 geboren, in den 60ern in einer Kleinstadt groß geworden.
Eine evangelische oder katholische Religionszugehörigkeit war ein Teil der notwendigen gesellschaftlichen Anpassung: Wir redeten nie darüber, aber Taufe und Konfirmation, kirchliche Trauung und Beerdigung, das musste sein!

Wir beteten auch zu Hause zu Mittag und abends vor dem Schlafengehen. Später, als wir Kinder groß waren, taten wir das aber nicht, die Eltern nicht und nicht wir. Sie hatten es wahrscheinlich nur als einen notwendigen Teil der Kindererziehung gedacht.

Religion wurde erst in der Schule wirklich zum Thema und später im Katchumenen- und Konfirmandenunterricht 1). Ich war evangelisch getauft.

Als Schüler in den ersten Klassen hatte ich an dem, was der freundliche Pastor Kreutz, so hieß er wirklich, zu erzählen wusste, keinen Zweifel gehabt. Wer so nett ist, der kann doch nicht lügen...
Wir Kinder respektierten ihn, er hatte eine natürliche Autorität.
Der Religionslehrer Bodelschwingh - auch der hieß wirklich so - hatte sie nicht, und er wurde von uns Kindern nach Strich und Faden verarscht. Er kämpfte während des ganzen Unterrichts immer gegen einen hohen Geräuschpegel und unser Desinteresse an.
Ich hatte Mitleid mit ihm. Und in mir keimte die Befürchtung, dass der Übermut der Kinder sich göttlich rächen könnte.

Das war im Katchumenenunterricht.
Und es war auch die Zeit, als in mir die Zweifel aufbrachen, ob das alles, was der Pastor und seine Helfer da sagten, so stimmen kann.

Ich wollte es glauben.
Ich hätte gerne wirklich geglaubt.
Einen so kompetenten Beschützer wie Gott an seiner Seite zu haben, und als Sahnehäubchen das ewige Leben - das wäre doch was!
Aber ich konnte nicht glauben.
Mein Verstand war durch den schulischen Unterricht bereits logisch geprägt und hatte den Stand des Osterhasen-Glaubens verloren.

Ich stürzte in schwere Konflikte, denn ich hatte seitdem Angst vor Gott.
Einerseits ahnte ich, dass das, was die da erzählen doch Kokolores ist!
Andrerseits dachte ich: Und wenn es Gott doch gibt? Der schlachtet mich ab! Jetzt habe ich noch die Chance, mich ihm zuzuwenden.
Und was passierte? In mir regte sich exakt das, was strikt verboten war: Spott und böse Gedanken gegen Gott. Ich versuchte diese Gedanken zu verdrängen - das ging natürlich nicht, ich zerriss innerlich und dachte oft: Jetzt passiert was, jetzt kommt die Rache, jetzt trifft dich der Schlag!

Ich war verzweifelt und fing heimlich zu beten an.
Mir fiel aber auch nicht ein, mit irgend jemandem über dieses Problem zu reden.
Wer wäre als helfender Zuhörer infrage gekommen?
Den Pastor empfand ich als Sprachrohr Gottes, den ich fürchtete. Ebenso nahm ich die ganze Erwachsenenwelt als pro-religiös wahr. Ich kannte keine Atheisten, mit denen ich hätte reden können. Ich kannte einen Schüler, der von Religionsunterricht befreit war, kam aber nicht eine Sekunde auf den Gedanken, mit ihm mal zu reden, warum. Mit diesem Status war der Junge eher ein Außenseiter. Ich hatte nicht die Erfahrung gemacht, dass zur Lösung meiner Probleme mir irgend einer zur Seite stehen könnte.
Gleichaltrige kamen als "Beichtväter" erst recht nicht infrage: Sie hätten mich in Grund und Boden verspottet.

*

Ich war 15, als zwei Zeuginnen Jehovas an unserer Türe klingelten.

Ich hörte von allen: "Wenn die kommen, denen knalle ich die Türe vor der Nase zu!"
Ich wusste, wer anders dachte, wird mit Verachtung gestraft und in schwierige Gespräche verstrickt.
Auf der anderen Seite dachte ich: Was ist, wenn Gott mir mit den beiden eine Möglichkeit schickt, mich zu bewähren? Ich ließ sie rein. Und auch meine Eltern hatten merkwürdigerweise nichts dagegen.

Die beiden Glaubenseiferer redeten von Harmagedon, und dass, in der Bibel verschlüsselt vorhergesagt, 1975 die Welt unterginge. Eine kleine Minderheit würde diesen Chrash überleben. Und diese Minderheit würden die Zeugen Jehovas sein.
Ich redete kritisch gegen die Kirche - und rannte damit bei denen offene Türen ein.
Das tat mir gut. Aber eine Bestätigung meiner Verstandeszweifel gegen die Religionen allgemein - die bekam ich von denen natürlich nicht.
Sie hatten sich ihren eigenen Glauben aus der Bibel konstruiert und hielten die, die ihren Interpretationen nicht folgten, für verloren. Das ist dasselbe, was die großen Kirchen ja auch machten, dachte ich zu recht, nur in grün.

Aber ich wollte tief im Innern eigentlich nicht ohne Religion verloren sein und irgendwann für immer mausetot.
Ich hatte Probleme mit meinem Leben und schon in diesen jungen Jahren Angst vor dem Tod.
Ich wollte behütet und gerettet sein.
Der Atheismus selber konnte mich nicht retten. Erstens bot er kein ewiges Leben und zweitens konnte er eine Nichtexistenz Gottes nicht beweisen. Die alte Angst-Frage war so nicht weg zu wischen: Was ist, wann es ihn doch gibt...?
Was ich im Grunde wollte, war eine Religion, eine Gotteszugehörigkeit, die mich überzeugt.
Darum beschäftigte ich mich weiter mit den Zeugen Jehovas, um nichts zu übersehen.
Aber sie überzeugten mich nicht.
Übrig blieb nur die Peinlichkeit, mit solchen Leuten zu verkehren. Mir war die Doppelzüngigkeit der Leute, die mit Hochmut ablehnten, mit denen zu reden, es wohl aber mit dem Pastor oder dem Pfarrer gerne taten, immer klar gewesen. Aber ich war sehr erleichtert, dass mich niemand auf meinen Kontakt mit den beiden Zeugen ansprach. Ihn hatte - bis auf meine Eltern - offensichtlich niemand bemerkt. Und ich redete natürlich mit niemandem darüber.

Die Loslösung von den Zeugen war ein mit Angst besetzter Prozess. Ich war unfähig, den beiden zu sagen, nein, ich will keine Bibelstunden mehr, und in euren Zirkel will ich auch nicht rein und blöd an der Ecke stehen, um den "Wachtturm" zu verkaufen! Daher bat ich meinen Vater, ihnen zu sagen, dass ich den Kontakt nicht mehr wollte. Und diese Entscheidung akzeptierten sie auch. Trotzdem zitterte ich noch Jahre dem Jahr 1975 entgegen.

Ich hatte lange Haare, war glühender Beatles-Fan, überhaupt ein Kenner der damaligen Popmusik und hatte für Dutschke, die APO, Jerry Rubin und die Hippies alles Interesse und alle Sympathie. Ich steckte gerade in einer Lehre zum Industriekaufmann, legte Wert auf Einhaltung des Jugendarbeitsschutzgesetzes durch meinen Lehrherrn und pochte darauf, eine Ausbildung nach dem von der Handelskammer vorgeschriebenen Berufsbild zu erhalten. Was damals eben nicht selbstverständlich war. Lange Haare, große Schnauze: Ich war ein Rebell!
Dagegen stand meine Neigung und zwiegespaltenes Verhältnis zur Religion.
So gesehen führte ich ein echtes Doppelleben: Eines, das ich kommunizierte - und eines, das ich gänzlich für mich behielt.

Als ich 19, 20 wurde, das war ´71, ´72, legte sich aber die Angst vor dem so präzise angekündigten Ende der Welt.

*


Während meiner Fachhochschul- und Uni-Studien und den Kontakten, die sich daraus ergaben, wandte ich mich dem weltlichen Marxismus zu. Ich war ein Atheist der Güte: Mit Religion beschäftigt man sich nicht!
Mit 25 trat ich aus der Kirche aus. Ich glaubte nicht an Gott und nicht an ein Leben nach dem Tod.
Das war mein Bewusstseinsstand in Sachen Religion und Tod für viele Jahre.


Dann hatte ich aber folgendes Erlebnis:
Ich war vielleicht 34, 35 Jahre alt, in einer meiner Dichterphasen, und schrieb gerade mein spöttisches "Grab-Gedicht", das ich als bittere Abrechnung mit meiner Großmutter verstand. Und während dieser Tage stieg in mir die alt bekannte - und "Gott" sei dank verloren geglaubte - Zerrissenheit der Angst vor Gott wieder auf: Darfst du über eine Tote so schreiben? Die zudem deine Oma war? Darfst du so hassen? Darfst du, darfst du, darfst du, Gott wird dich bestrafen! Ach, den gibt´s doch gar nicht. Und wenn doch?? Wieder dieses Gefühl: Gleich passiert was, gleich trifft dich der Schlag!
Ich fühlte diese Zerrissenheit wieder immer öfter in mir. Da stieg viel Verdrängtes hoch.

Was sollte ich tun?

Mit der Kirche war ich durch. Mit allen Christen war ich durch.
Insoweit hatte der Verstand gesiegt.
Aber er hatte noch nicht die Angst besiegt.

Ich sah mich "auf der Suche" nach Gott, verborgen in der Metaphysik, im "Jenseits", in der "Transzendenz".
Das war mein Verhandlungsangebot an "Gott", um seinen eventuellen Zorn gegen mich zu beruhigen, ein Verhandlungsangebot, auf das ich mich guten Gewissens einlassen konnte, und von dem ich mir sicher war, dass es sein Wohlwollen hätte, wenn es ihn gibt.

Diese Position hielt ich einige Jahre inne, und sie hatte ihren schriftlichen Niederschlag in meinem "100-Thesen-Papier", in dem ich mit Kirchen und Sekten abrechnete, mit dem Atheismus durchaus sympathisierte, mich selber aber nicht auf irgend etwas fest legen konnte.

*


Was ich jetzt noch brauchte, das gaben mir die Entwicklung der Kosmophysik und eigene Gedanken innerhalb kurzer Zeit:

Anfang 1999 kam mir ein Spiegel-Artikel in die Hände, nach dem amerikanische Physiker das vermeintliche "Nichts" analysierten. Die Anti-Gravitations-Theorie war geboren und mit ihr das Nichts als mögliche Ursache der Existenz. 2)
D.h.: Die erste Ursache war erkannt.
Ein beliebtes Argument der Theologen für den Gottesbeweis ist ja die Determiniertheit unserer erfahrbaren Existenz: Alles hat eine Ursache. Aber irgend etwas müsste doch keine Ursache haben. Und diese Erste Ursache sei "Gott"!

Dieses Argument fiel für mich ab jetzt flach.
Mein Bewusstsein wuchs, dass wir mit unseren Augen, und dem geistigen Auge, wirklich alles sehen und in Erfahrung oder Kenntnis bringen können, was wir erkannt haben wollen und brauchen.
Die Kosmophysik hatte uns einen entscheidenden Schritt weiter gebracht!

Im Jahr 2000 hatte ich dann meinen - für mich - entscheidenden "Das ist es!"-Kick, mein "Klon"-Beispiel 3) war da. Die Seelenwanderung 4) hat damit eine (für mich genügende) Theorie der logischen Ableitung; und ich bin seitdem davon überzeugt, dass wir durch wissenschaftliche Forschung oder logische Denkarbeit unsere Erlösung von der Angst vor dem Tod erlangen können. In mir schwand mit einem Schlag das Bedürfnis, das "Jenseits" oder die "Transzendenz" zu "erhellen". Es gibt sie vielleicht. Vielleicht auch nicht, es interessierte mich nicht mehr. Denn das einzige, was mich auf diese Wege brachte, war meine Frage nach dem Leben nach dem Tod. Diese eitle Angst war der einzige Grund! Und das Interesse daran können wir in Sphären verfolgen, die wir durchaus mit unserem Verstand erreichen. In (wissenschaftlich und/oder logisch nachvollziehbarer) Erkenntnis liegt die Erlösung. In Religionen inklusive der Esoterik, die sich gegen die Erkenntnis stellen, liegt sie nicht.


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1) Ein zweijähriger nachmittäglicher Unterricht zur Erlangung der Konfirmation.
2) Siehe Kapitel: Wo komme ich her?" - Der Siegeszug der Kosmophysik
3) Siehe: Das "Klon"beispiel und die Seelen"wanderung"
4) Nicht im brahmanischen Sinn; eine exakte Wiedergeburt ist damit nicht gemeint. Aber bitte Artikel lesen.






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