Hätte damals jemand die Einschätzung der Gottautorisierung von Moral und Gesetz (Artikel: Zur Genese von Moral und Gesetz) nicht als falsch korrigieren können?
In Israel z.B. war der "Religionsstifter" Moses gleichzeitig auch der Regierungschef.
Anderes Beispiel:
In Indien waren schon vor 3000 Jahren die Brahmanen die herrschende Kaste, die zunächst die Priesterschaft präsentierte und später aber auch weltliche politische Positionen innehatte. Gegenüber dem gemeinen Volk hielten sie ihr Wissen, oder besser gesagt: ihre Informationen, aus denen sie ihre Glaubenssätze interpretierten, geheim, weil sie möglicherweise der Auffassung waren, dass man ohne notwendige priesterliche Grundausbildung zu den falschen Schlüssen kommt.
Den niederen Kasten ließen sie nur die Möglichkeit, an ihr Rechttun, ihre Weisheit und Gottesnähe zu glauben.
Auch die Schamanen und Druiden anderer Regionen hatten in der Vorstellung der einfachen Leute, aber auch in der der Stammesführer, einen besonderen Zugang zu den Göttern. Die Naturreligionen hatten mehr als einen Gott, die hatten, gemäß der Anzahl der Naturphänomene, viele Götter.
Die Schamanen und Druiden waren es auch, die zudem besondere Kenntnisse z.B. in der medizinischen Heilung hatten.
Sie waren die Gelehrten ihrer Gesellschaften, die ihre durch langjährige Beobachtung, Nachdenken und Meditation gewonnenen Erkenntnisse den primitiven Jägern und Sammlern gar nicht vermitteln konnten, selbst wenn sie das möglicherweise gewollt hätten.
So wurden die Priester allerorts zur Kaste der Verantwortlichen, die von Generation zu Generation ihr Wissen unter sich weiter gaben.
Das Bildungssystem und die Bildung der Masse waren lange Zeit nicht so, dass es demokratisches, säkulares und emanzipatorisches Begehren in ihr weckte, geschweige sie dazu befähigte, es durchzusetzen.
Wenn einer, oder wenige, behaupten, etwas zu verstehen, was für alle wichtig ist, und die meisten verstehen das aber nicht, dann spaltet das eine Gesellschaft, die einander braucht, in Klassen auf.
Der Wissende hat natürlich, wie in jeder Gesellschaft, eine besondere Stellung inne, besonders in einem Stamm, einer Gesellschaft, in der die breite Mehrheit keine Bildung hatte, nicht rechnen, schreiben und lesen konnte. Die wäre in der Tat nicht fähig dazu gewesen, z.B. die Gesetzgebung kritisch zu begleiten und mit zu gestalten.
So standen Schamanen, Druiden und Priester im Nebel einer unantastbaren Autorität, die die Stammesfürsten beriet, und häufig aber auch selber nach der weltlichen Krone griff.
Wenn Stammesführung und Religionsführer nicht gerade eine Personalunion bildeten, so bildeten sie doch einen Pakt, der beiden Parteien Privilegien verschaffte.
Die "organisierte Religion" war schon immer in der weltlichen Herrschaft involviert, sodass es von der Annahme der Gottesherkunft von Moral und Gesetz nur eines kleinen Schrittes bedurfte, die Inthronisationen der Herrscher als göttlichen Willen zu behaupten.
Gott, Moral, Gesetz und Herrscher waren ein ungeteiltes Konglomerat weltlicher Macht.
