Wir wissen wenig; was uns in unserer Deutungssüchtigkeit (z.B. eines geschlossenen Weltbildes) viel zu Glauben zwingt.
Wir müssen spekulieren.
Aber wir haben immer die Möglichkeit, aus wilder Spekulation durch Verstandesarbeit logisch durchtränkte, nahe liegende Spekulation zu machen, um uns der Wahrheit zu nähern. Nahe liegende Spekulation - resp. Deduktion: logische Ableitungen, die sich auf Determinanten verlassen, die aber nicht beweisbar oder nicht bewiesen sind.
Wenn wir schon nicht das Objekt unserer Wissensbegierde beweisen, noch nicht beweisen, können.
Unsere äußeren Hirnlappen sind uns nicht als Schmuck gewachsen.
Es ist widersinnig, Glaube mit ausschließlicher Überzeugung zu paaren. Glaube ist logisch auch mit Zweifel gepaart. Sonst glauben wir nicht, sonst wissen wir. Glaube bedeutet: Irrtümer werden begangen und dürfen korrigiert werden.
Nur das kann das Glaubenscredo der Leute sein, die wirklich glauben, das betrifft auch die, die an Gott glauben oder die auf Gottessuche sind!
Dieses Credo (des Zweifels) sollte allerdings auch das Glaubenscredo z.B. eines Atheisten sein: Wer nicht weiß, glaubt. So ist auch ein Atheist kein "überzeugter Atheist", eine solche Bezeichnung entspräche der Denkstruktur eines Religionsverhafteten. Ein Atheist ist, genau genommen, da die Nichtbewiesenheit der Nichtexistenz eines Gottes vorauszusetzen ist, ein "gläubiger Atheist". Er glaubt, dass es Gott nicht gibt. Es gibt keine überzeugenden Indizien, die eine Gottesexistenz bestätigen. Aber der Atheist muss auch einräumen, dass er nicht alle Indizien kennt - oder dass die uns Menschen derzeit verfügbaren Indizien keine endgültige Beweiskraft haben. Er weiß nicht, ob es so was wie einen Gott gibt. Aber er glaubt es nicht. Und das sollte das Wissenscredo der Leute sein, die wirklich wissen, um ihre Grenzen wissen; wissen, was Wissen ist.
Schon an dieser ehernen Wirklichkeit scheitert die Religion.
Sie pflegt den Glauben als Kardinaltugend, die den Glauben höher als das Wissen wertet.
Wer aber an die Wahrheit glaubt, der sollte eine "Kardinaltugend" des Zweifels pflegen, denn nur über die Erkenntnismethode der Rede und Gegenrede, dem Dialog, können wir die Erkenntnis von Wirklichkeit erarbeiten - oder ihr immer näher kommen. Es ist der Zweifel, der uns in diese Richtung bewegt, der die Glaubenssätze von wilder Spekulation bis in die Qualität einer immer näher liegenderen Spekulation (Deduktion) verändert bis zum Beweis.
