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Zur Genese von Moral und Gesetz


Die Menschen entdeckten irgendwann, dass ein halbwegs festes einzuhaltendes Regelsystem sie untereinander besser leben lässt.
Als die Gemeinschaften eine bestimmte Größe erreichten, wuchs entweder die Herrschaftwillkür des Königs, oder es wurde ein geschriebenes Regelwerk notwendig, das dieser Herrschaft sinnvolle Führungsbahnen vorgeben sollte.

In unserer Kultur wirken wohl die alttestamentarischen 10 Gebote als das wichtigste der ersten schriftlich verfassten Regelwerke, die Moses vor 3000 Jahren verfasste.
Aber er ist damit nicht der früheste Gesetzgeber eines Volkes oder Stammes. Uns ist z.B. bekannt, dass die Babylonier, Mesopotamier und Sumerer schon vor mindestens 4000 Jahren schriftlich fixierte Gesetze und eine Gerichtsbarkeit kannten.

Alle Stämme und größeren Stämme hatten schon Machtstrukturen, alle Herrscher hatten Zentralgewalt und einen Militärapparat, mit dem sie ihren Willen durchsetzen wollten und auch durchzusetzen vermochten - bei "Erfolg" ihrer Regentenschaft. Es hatten sich irgendwann aber auch Gesetze entwickelt, die dem Rechtsbedürfnis aller Menschen eines Volkes gerecht werden und nicht an der Willkür des Herrschers gebunden sein sollten.
An wessen Wünschen sind sie denn dann gebunden, wenn nicht an den höchsten Menschen eines Volkes? Da ist man schnell auf die Idee gekommen, dass solche Gesetze göttlichen Willens sein müssten. Dass lediglich der Wille des Volkes ein dem König übergestellter Souverän sein könnte - das war möglicherweise für Gesellschaften, die von Demokratie nichts wussten und noch nichts wollten, unvorstellbar.

Die Erfindung von Regelsätzen wie "Du sollst nicht stehlen!", "Du sollst nicht lügen!" und "Du sollst nicht töten!" sind in der Tat echte haltbare Geniestreiche, die echte Empfindungen und Sehnsüchte übersetzten, die die meisten, eigentlich alle von uns, wohl in sich tragen.
Oder sollte die Hemmung zu lügen, ausschließlich eine anerzogene Barriere sein?

Diese Regelsätze dürften zu Recht als "Das-ist-es!"-Eingebungen empfunden worden sein. Demnach sind sie eigentlich nicht "erfunden" worden, korrekter - bei (siehe oben) gesetzter Annahme - muss es heißen: Sie wurden entdeckt.

Was hatten die Menschen da entdeckt?
Das Gerüst für ein stabileres, freieres, sicheres und produktiveres Gemeinschaftsleben. Ein hervorragendes Bindeglied für den Lebenskreislauf der menschlichen Gemeinschaft, die die
Entfremdung des Menschen vom Menschen (Karl Marx) aufheben kann.

Was entdeckt wird, gibt es schon. Woher kamen z.B. diese drei o.a. Gesetze?
Heute würde man vielleicht sagen, sind ein aus unserer Innerlichkeit abgerufenes, schriftlich fixiertes Programm zur Gestaltung unseres Kulturlebens, das noch die Strukturen vermissen ließ, die die Natur seinen Wesen, den Tieren, schon geben konnte: Die
Kultur als die zweite Natur des Menschen war noch in den Anfängen seines Aufbaus begriffen. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen musste an etwas andocken, was er selber zu schaffen hatte.

Aber damals kannte die Menschheit noch nichts von psychologischen Bedürfnissen und soziologischen Programmen.
Sie kannte reichlich wenig von des Natur- und ihren Geistesprozessen, daher hieß die Erklärungsformel damals, wie offenbar jede Erklärungsformel aus dem Nebelreich der Unkenntnis hieß: Die Gesetze/Gebote kommen von Gott!

Mit "Gott" wurde also - u.a. - mangels genauerer Kenntnis, die Herkunft guter Moral und notwendiger und guter Gesetze geortet.

Nun war es aber so, dass auch ohne Gesetze die Volks- und Stammesführer jeder Mist, den sie sich aus den Fingern saugten und alle Gräueltaten, die sie für rechtens befanden, vor sich und dem Volk als "Gottes Willen" legitimierten. Ds Gesetz waren eben sie, die von Gott Berufenen, selbst.
Man hat sowieso den Eindruck, dass "Gott" oft das ins Transzendentale übersetzte Bild eines weltliches Herrschers ist, nach der Art der Zeit, in der dieses Gottesbild entstand...
Umso überzeugender schien das Argument, die Gebote seien von Gott, die nicht an die Herrschaftswillkür irgendwelcher konkreter Könige, Fürsten oder Pharaone gebunden waren. Hinter diesen Geboten stand ja lediglich der Wille einer geistigen Kategorie: das RECHT!


"Gott" gibt uns ein Gefühl der familiären Geborgenheit, wenn man dieses Begriff mit Gerechtigkeit und Nächstenliebe besetzt.

Gott ist die Gerechtigkeit, Gott ist die Liebe, hört man die Christen auch oft sagen.

Das ist aber was anderes als: Gott ist unser Schöpfergott, der Schöpfer der Welt und des Himmels, etwas anderes als: Gott ist ein für sich eigenständiges Wesen, das mit uns redet und uns heftig abstraft, wenn wir nicht so spuren wie er, resp. der schriftinterpretationsautorisierte Priester oder Herrscher, es will.

Mit dem strafenden Gott hatten die weltlichen Herren natürlich die geniale kosmische Potenzierung ihrer Gewalt.

Mit dem strafenden Gott wird auch die Eigenverantwortung für die notwendige Selbstkritik, die uns weiter bringt, abgegeben, was Selbstkritik oft zur Selbstzerfleischung, Selbstkasteiung machte. Vor den strengen Augen einer derartig mächtigen Instanz schlottern einem nun einmal die Knie vor Angst. Echte Einsicht in seine Missetaten als Fehlwirkung in die Gesellschaft kommt nicht auf. Der reuige Sünder reut nicht vor seinem menschlichen Umfeld, einem von ihm benachteiligten, bestohlenen, verletzten Menschen oder vor der Gesellschaft in Form seiner Gerichtsbarkeit, sondern vor Gott. Was da dem Menschen auf diese Weise beigebracht wird, ist nicht Sozialempfinden sondern Willfährigkeit!

Dieses Bild des strafenden Gottes ist nicht der ehernen Bedürftigkeit der Menschen nach einer notwendigen Kulturstruktur entsprungen: Die Geschichte hatte Moral und Gesetz mit Herrschaft und Gott symbiotisch vermengt.
Uns muss es nun darum gehen, Moral und Gesetz als notwendigen Kern unseres Kulturlebens von dem ihm angewachsenen Mantel der Despotie und Religion zu befreien. Was durch die Säkularisierung und Demokratie schon teilweise gelungen ist.
(Auch Jesus wollte mit seinem Konzept der Nächstenliebe die Menschen aus der Despotie der jüdischen Gesetze befreien, der Gesetze, die das tägliche Leben bis in alle Einzelheiten bestimmte - und den Alltagsbetrieb in die Selbstbestimmtheit bringen - die funktionieren kann, wenn man seine Freiheit an eine Verantwortung für den anderen - an die NÄCHSTENLIEBE - bindet.)

Aber auch nicht die Verhaltenkategorie der Liebe und der Gerechtigkeit gehören zu einem Gottwesen erhöht! Weil die Gefühle der Wut und des Zorns ihre Daseinsberechtigung wie die der Liebe haben.
Sogar die Gerechtigkeit gehört nicht überhöht.
Du kannst Gefühle der Rache haben, die nicht durchgesetzt werden dürfen. Aber die Gefühle sind o.k.!
"Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!" Damit würden Handlungen und Empfindungen, die nicht zu den "göttlichen" Kategorien gehören, per se verteufelt, und das ist nicht gut!



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