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Die Erbsünde



Wir kennen alle den Begriff der "Erbsünde" aus der christlichen Theorie.
Nach der herrschenden christlichen (paulinischen) Lehre hat Jesus uns durch seinen Tod und die Wiederauferstehung von einer Erbsünde befreit, die uns daran hindert, ewig zu leben. Hat jemand vor der Erbsünde auf diesem Planeten ewig gelebt? Wo ist der jetzt? Ach ja: im Himmel.
Aber nur der wird erbsündenbefreit, der glaubt, also dieser Theorie folgen kann. Wer nicht, wird aussortiert.
Es gibt Christen, die der Auffassung sind, dass ein "rechtschaffendes" Leben zur Erbsündenbefreiung ausreiche. Der (Offenbarungs)Text gibt eben verschiedene Interpretationsmöglichkeiten her. Niemand weiß genau, für welche "Fehltat" man welche Strafe zu erwarten hat. Niemand weiß genau, wer in der Apokolypsebeschreibung der bilblischen "Offenbarung" das "wilde Tier" und die "Hure Babylon" ist. Oder was dem "ausschweifenden", "gotteslästerlichen" Leben genau zuzurechnen ist.
So gibt die Unschärfe den Boden für strengste Disziplinierungen her - die ganz der Bandbreite einer Religion entsprechen, die auch vor Paulus und dem Autoren der "Offenbarung" schon immer zutiefst menschenverachtend war:

Weil unser Urvater eine Frucht futterte, die er nicht futtern durfte, deswegen nahm unser uns liebende Vater die ganze Menschheit bis in die letzte Generation in die Sippenstrafe eines sündigen und gequälten Lebens. Das Blutopfer seines einzigen Sohnes befreite jedoch die ganze Menschheit von ihrer Schuld. Die ganze Menschheit? Nein, nur den gläubigen Teil. Zwei Tage später war das Opferlamm wieder quietschfidel, mit einem Stellvertreterplatz im Himmel hoch dekoriert. Was für ein Opfer zur Befreiung der Welt...

Mit Inbrunst und Unterwürfigkeit bis zur Selbstaufgabe, der bedingungslosen Kapitulation ihres gottgegebenen Verstandes versuchen die Gläubigen den Weg zur Heilung zu gehen, voll (gesundem) Zweifel - den man aber als den Dämonen des Teufels bis zur seelischen Selbstverstümmelung bekämpft.


Meiner Auffassung nach definiert die "Erbsünde" (möglicherweise) etwas viel nahe liegenderes; sie begründet eigentlich nichts anderes als die Notwendigkeit einer funktionierenden Moral.
Ich versuche das zu erklären:

Was ist eigentlich "die Erbsünde"?
Sie ist die nach dem Sündenfall Adams entstandene Sündhaftigkeit der Menschen.
Wenn man diese These gutwillig interpretiert, ist sie gar nicht mal so falsch:
"Erbsünde" ist ein genetischer Mangel. Das gibt das Wort, und das gibt so auch die Real-Interpretation her. Sie ist einleuchtend. Jede andere Interpretation ist wildere Spekulation.

Die Voraussetzung, wie die Tiere aus einem Automatismus heraus funktionieren, "richtig" zu funktionieren, also "gut" zu sein, ist uns nicht gegeben.
Es ist der egoistische Trieb, der gegen den zoon politikon steht.
Wir sind halb aus der Natur heraus getreten und müssen den Bruch im Kreislauf der Natur, auf die wir ja immer noch angewiesen sind, durch eigenständige, intelligente Leistung schließen - mit Arbeit als künstlichem, menschlichem Eingriff in den Naturprozess und einem aus ihr folgenden erlernten Sozialverhalten zur Koordination unseres Gemeinschaftslebens. 1)

Zur "Behebung" dieser "Erbsünde" sind uns Menschen daher die Gesetze und die Moral eingefallen.
Sie müssen nur durchsetzungsfähig sein und am besten von der Beschaffenheit, dass man ihnen freiwillig folgt. Sie müssen im Idealfall von den Menschen angenommen werden können wie ein erfolgreich implantiertes, neues Herz. Dann passen Moral, Gesetz und Mensch zusammen.

Vor 3000 Jahren schuf Moses eine Gesetzgebung für sein neues Land Israel, die 10 Gebote. Den Geboten fügten die Juden aber mit Thora und Talmud ein dicht verknüpftes Regelwerk, dass das Verhalten der Menschen bis in alle Einzelheiten des Alltagslebens diktierte. Die Gesetze, die von der Willkür der Despoten befreien sollte, schafften so nur neue Unterdrückung und Unfreiheiten, die als gottgefälliges Leben verkauft wurden. Wie kann man gegen Gottesgesetze rebellieren? Dazu muss man schon selber von Gott sein...
Vor 2000 Jahren kam Jesus mit dem Postulat der Nächstenliebe, um dem das Gemeinschaftsleben erstarrende Judentum was entgegen zu setzen. Sie sagt, in andere Worte übersetzt, dass sich die Menschheit als einen Gemeinschaftskörper begreifen muss: Ich fühle deinen Schmerz, wir sind eins!
Wer es lernen konnte, Rücksicht zu nehmen und Mitgefühle zu haben in einer Form und Stärke, dass das Gemeinschaftsleben mit ihm glücklich macht - und ihn selber auch, der hat, glaube ich, das Postulat begriffen, der ist von dieser "Erbsünde" befreit.
Wer die Nächstenliebe in sich trägt, der handelt aus sich heraus gemeinschaftskompatibel, der braucht nicht an kurzen Ketten rigider, erstickender Regelwerke gebunden sein. Jesus' Botschaft: Die Gesellschaft kann mit Liebe funktionieren, und die macht lebenserstickende Unterdrückung unnötig!

Die Gesetzgebung verabredet gemeinschaftliches Verhalten, das der Staat kontrolliert. Die Nächstenliebe ist ein Moralkonzept.
Das Ziel von Gesetzgebung und Moral ist eine menschliche Gemeinschaft, in der die Einzelnen glücklich sind!
Nicht mehr - und nicht weniger - sollte, nach meiner Auffassung, die "Frohe Botschaft" sein.
Die Mystifizierung der Person Jesus hat allerdings zu einem noch nie da gewesenen und nie wieder erreichten Personenkult geführt, der diese "frohe Botschaft" der Nächstenliebe in eine hässliche Fratze verzerrte.

Ein derart übersteigerter Personenkult, wie der um den durchaus charismatischen und gebildeten Wanderprediger aus Nazareth tut der Wahrheit und den Menschen eben nicht gut.

"Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen!" Ist besser so.
Haben sie trotzdem getan.
Fehler führt man nicht fort, wenn man sie als solche erkennt.
Die hakt man ab.



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1) Siehe Artikel: "Religion als Zufluchtsstätte vor Unwissenheit und Angst"






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