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Die determinierte Gegenwart
(Die Illusion von der Freiheit)


Bestimmte Eckdaten unserer Leben sind in uns angelegt.
Nach der Geburt sind uns Kindheit, Schule, Pubertät, Erwachsen-Sein, Alter und Tod gewiss. Wobei uns der Tod allerdings auch vorher ereilen kann, bevor das ganze Panorama der grobrastigen Vorbestimmung abgelaufen ist.

Bestimmte Eckdaten in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte sind ebenfalls in ihrem Anfang angelegt.
Wir erinnern uns an C.G.Jung, der sagte, dass die komplette Kulturgeschichte aus dem archaischen Unbewussten gesteuert ist. D.h. dass die Entwicklung der Menschen in die Religionen, in die Kriege, aber auch in die Musikgeschichte, ins Industriezeitalter, in die Astronautik usw. eine im Unbewussten angelegte Direktive ist, der der Mensch, so wie der Pubertät, nicht entrinnen kann.

Auch die Eckdaten der Evolution, der Prozess der Anpassung und Auslese, sind schon im ersten Keim des Lebens angelegt.
Moose, größere Pflanzen, Einzeller, Würmer, Fische, Amphibien, Landtiere bis zu den Affen und dann den Menschen - die Entwicklung der Tiere bis zum sogenannten intelligenten Wesen, das halb aus der Natur ausgetreten ist, diese Entwicklung war im ersten Keim des Lebens schon angelegt. Weil es mit dem Prozess der Anpassung und Auslese nicht weniger als einem Naturgesetz folgt.

Für die Entwicklung der Kultur der Menschen gilt das ebenso. Die geistigen Eingriffe in die Natur zu Diensten der menschlichen Interessen sind auch nichts anderes als ein Prozess der Anpassung und Auslese auf einer "höheren" Stufe. Die Geschichte der Menschheit ist die Übersetzung der Geschichte der Evolution.
D.h., die ganze Kulturgeschichte musste geschehen, weil sie in den Naturprozessen involviert ist, die mit dem Prinzip der Anpassung und Auslese, wie gesagt, einem Naturgesetz folgt!
Die ganze Menschheit mit der Kette von furchtbaren und guten Ereignissen ist nichts anderes als ein Reflex der Natur!

Die konkrete Ausformung der Pflanzen und Tiere, und die ihrer Interaktion, ist natürlich von ihren äußeren Bedingungen bestimmt.
Die Triebanlage zum Aufbau bis hin zum Menschen - und, wer weiß?, darüber hinaus - steht aber schon in den Anfängen des Lebens geschrieben. Denn die Bedingungen sind für den Lebenskeim keine unbekannte Variable. Es sind ja diese Bedingungen, die den Lebenskeim geschaffen haben. Deswegen ist die Evolution aus ihr heraus, bezogen auf die Eckdaten, vorhersehbar. Das alles natürlich ceteris paribus.1)

Bestimmte Eckdaten der Naturgeschichte stehen schon im Urknall geschrieben.
Sternenstaubbildung, die Bildung der Galaxien, Sonnen, Planeten, Monde, ganz nach dem Gravitationsgesetz. Planeten, die Wasser haben, das bei bestimmten Temperatur-, Licht- und anderen Umweltverhältnissen der Start in eine neue Evolutionsgeschichte ist. All diese Eckdaten stehen schon im Urknall geschrieben.

Die Geschichte der Determinationen kann bis zur Ersten Ursache, bis zum Nichts, zurück geführt werden.

Die jeweiligen Eckdaten der Entwicklungen sind also festgeschrieben, wenn nicht der Tod
- eines Menschen (durch Krankheit, Unfall)
- einer Menschheit (durch Seuchen, Krieg)
- einer kompletten Flora und Fauna (z.B. durch Meteoriteneinschlag)

dazwischen fuhrwerkt.

Dann werden die kosmischen Karten neu gemischt, und die vorbestimmten Prozesse suchen nach dem Zufallsprinzip im Rahmen der Naturgesetze ihre Anfangsbedingungen neu.
Es spielt sich aus dem Chaos eine kosmische Ordnung ein, die zwangsläufig immer wieder neue Fenster des Lebens öffnet, solange das Universum besteht.


Und wie ist das Leben zwischen den "abstrakten Eckdaten" bestimmt?
Es ist einer Fülle von Zufällen ausgesetzt und dem Willen zur Durchsetzung unserer höchst selbst bestimmten Lebensplanung unterworfen - so sieht das wenigstens vor dem Fenster unseres Bewusstseins aus...

C.G. Jungs These, die gesamte Kulturleistung sei vom Unbewussten bestimmt, ist mit den obigen Ableitungen eigentlich schon hinreichend erklärt.

Uns interessiert jetzt, inwieweit die Handlungen , die wir nach unserer Empfindung "selbst bestimmen", doch als determiniert eingesehen werden müssten. Nun ist es ja so, dass alle Erscheinungsformen des zeit-raum-relevanten Seins determiniert sind. D.h., alles kann man begründen, alles ist ableitbar, die Determinanten haben Determinanten, und so ist jegliche Regung unserer Leben auf Kausallinien bis tief außerhalb unserer Subjektwahrnehmung (realtheoretisch) zurück zu verfolgen.
Daraus müsste im Grunde abzuleiten sein, dass wir lediglich hochkomplizierte Programme und Maschinen sind. Und dass unsere "Entscheidungsfreiheit" nur eine Subjektivwahrnehmung des engen Fensters des Bewusstseins ist.


Wir wollen an einem Beispiel veranschaulichen, wie weit diese Überlegung zu verfolgen ist:

Du bist hungrig. Du schmierst dir jetzt eine Schnitte Brot. Butter kommt drauf und Käse. Dir schmeckt´s, und du hast das unbedingte Gefühl von Freiheit. Denn du tust etwas, was dir gut tut.

Aber du bedienst lediglich das Naturbedürfnis nach Energiezufuhr, das dir als Hunger angezeigt wird. Weil du ein von der Natur diktiertes Bedürfnis befriedigst, belohnt sie dich mit Genussempfindung und Sattsein, einem guten Gefühl. Das Leben erteilt dir eine Streicheleinheit. Du hast etwas getan, was du tun solltest. Nur, das was du tun solltest, das wolltest du letztlich auch. Weil es dir gut tat. Es tat dir aber nicht gut, weil du es in Freiheit tatest, es tat dir gut, weil es das Richtige war.

Sicher hättest du doch ebenso gut ein Wurstbrötchen schmieren oder draußen eine Pita Gyros kaufen können. Du hättest auch Kohldampf schieben und joggen können. Du könntest sicher tausend andere Dinge tun. Wäre das nicht die breite Spanne der verschiedenen Handlungsmöglichkeiten, von denen du eine frei entscheiden kannst?

Das Feld der Freiheit ist gewiss eingeengt durch die Triebe, die befriedigt werden müssen.
Sie ist eingegrenzt durch die ganze Konsistenz unserer natürlichen Beschaffenheit, wie z.B. durch unserer Körperkraft, dem Bewegungsbedürfnis, Beschäftigungsbedürfnis, der Liebe, der Durchsetzungsfähigkeit zur Befriedigung usf.
Und durch die Beschaffenheit der äußeren Natur.
Zudem durch die menschlichen Verpflichtungen, die sich aus unseren sozialen Beziehungen ergeben, wie die Arbeit z.B. und das Einkaufen für den Konsum.
Habe ich wichtige Dinge vergessen? Möglich, gewiss.

Aber kann ich mich nicht innerhalb dieser Grenzen so bewegen wie ich will?
Kann ich die Triebe nicht in einer Form befriedigen, die ich bestimme?

Sicher diktiert die Natur mit seinen Anzeigen des Gutfühlens und Schlechtfühlens in mir, dass manche Dinge, die ich wohl in Freiheit entscheiden kann, aber lieber sein zu lassen habe: Ein fauler Apfel schmeckt nicht gut. Igitt! Und ich beuge mich den Grenzanzeigen der Natur.
Aber diese Grenze könnte ich überschreiten, wenn ich wollte. Und auch, wenn ich das nicht will, habe ich Entscheidungsfreiraum genug: Ich werde mich doch wohl zwischen einem Käse- oder Wurstbrötchen entscheiden können, und die Allmutter Natur wird mich für jeden dieser Genüsse mit Wohlgefühl belohnen!

An den konkreten Ausformungen einer Handlung ist der Determinismus in der Tat nicht so leicht zu erklären.
Du entscheidest dich für das Wurstbrötchen, nehmen wir mal an.
Was hat dich dazu bewegt, dich für das Wurstbrötchen zu entscheiden?
Du standest vor der Aufgabe, dich jetzt zu entscheiden.
Dir werden Bilder und/oder Impulse hoch gekommen sein. Dein Unterbewusstsein wird dir einen ganzen Satz von Begründungen hochgeschossen haben.
Deine Entscheidung ist durch das Un(ter)bewusste determiniert, vielleicht aber auch durch bewusste Wahrnehmungen der Außenwelt: Du hattest heute Vormittag ein sehr ansprechendes Mädchen gesehen, das gerade ein Wurstbrötchen aß. Nur dass dieses Erlebnis den Impuls auslöste, auch ein Wurstbrötchen zu essen, das ist dir vielleicht nicht bewusst.

So laufen aber alle Entscheidungsprozesse ab: Zum kleinen Teil bewusst, zum großen Teil unbewusst.

Und wenn es dir doch voll bewusst war, dich für das Wurstbrötchen entschieden zu haben, weil das Mädchen es ebenfalls aß?
Dann hat das Mädchen dir eben bewusstseinsregistriert den Kopf verdreht. Es war auf jeden Fall deine Libido, die dich so handeln ließ!

Es lässt sich alles vom Außen und/oder vom übermächtigen Innen erklären. Das im Außen begründet ist.
Unsere Ichs werden gelenkt, die Freiheit die wir wahrnehmen, ist eine Illusion.
Wenn wir eine lustbringende Entscheidung unter vielen Entscheidungsmöglichkeiten treffen, dann ist damit angezeigt, das wir das getan haben, was als Direktive in uns angelegt ist. Handlungen gegen diese Direktiven bringen ein schlechtes Gefühl.

Trainieren wir die Intuition, um ihr zuverlässig folgen zu können. Ist ja auch nicht so einfach, die verschiedenen Triebstränge wie Überlebenstrieb, Esstrieb, Sexualtrieb, Forschungstrieb, Anerkennungstrieb und all die anderen Triebe in sich so zu harmonisieren, dass sie dir das Geschenk machen, umfassend glücklich zu sein.

Natürlich schadet es nicht, statt einem Wurst- ein Käsebrötchen zu essen. Es schadet überhaupt nicht, das zu tun, was man (wirklich) will. Nur ist dieses Tun kein Produkt einer freien Entscheidung.

Möglich, dass in einem Entscheidungsbildungsprozess im Unterbewusstsein wie im Bewusstsein gute und schlechte Argumente miteinander manchmal so sehr gleichwertig konkurrieren, dass eine Entscheidung zwischen zwei Handlungen tatsächlich der Freiheit des Ichs, also dem Zufall, obliegt. Freiheit kann nur würfeln.
Dann ist die Handlung in dem Fall eben durch den wirklichen, "reinen" Zufall marginal mit-determiniert.
Aber immer gilt der Satz der Determination aller Dinge und ihrer Bezüge. 2)

Aber ist nicht wenigstens die Freiheit gegeben, Dinge gegen die Naturdirektiven zu tun, wenngleich der Preis ein schlechtes Ergehen ist? Wenngleich es also unvernünftig ist, die Freiheit zu wählen?
Auch die "falsche" Handlung ist determiniert.
Wenn z.B. die Stimme der Naturbedürfnisse in uns dünn geworden ist, weil sie durch den Müll seelischer Verdrängungen nur noch schlecht durchdringen kann, dann verhalten sich die Triebkräfte amorphisiert. Zu einem gewissen Maß bist du dann krank.

Die objektive Freiheit gibt es nicht.
Freiheit, das ist die Freiheit von Argumenten.
Freiheit ist die Bewegung des Zufalls, der aus dem Chaos heraus die Ordnung noch sucht.
Selbst das Chaos untersteht, mit dem Gesetz des Zufalls, einer Ordnung.
Leben ist ein festgelegtes System tiefer Ordnung.
Freiheit ist amorph.
Freiheit ist Unwissen.
Freiheit ist nichts.


Die Unfähigkeit, den ganzen Ursachenteppich komplett zu erkennen, lässt uns so viele Begebenheiten als "Zufall" empfinden - sie machen uns das Leben zu einer Kette von Überraschungen, die der Quell unserer Freude, Trauer, Angst, des Glücks und des Staunens sind.
Erkenntnis entfaltet unsere Lebens-Bewusstheit und damit auch - so sehen wir es - der Lebensqualität.
Aber es muss auch ein Maß an Erkenntnis geben, das diese Qualität - nach oben oder nach unten - kippt: Denn wer die Ursachen kennt, der muss auch die Zukunft kennen. Und wer die Zukunft kennt, der wird sie, in bestimmten Fällen, verändern wollen - und können! D.h. entweder, dass die richtige Information über die Vergangenheit - also auch über die Zukunft - diese Zukunft eben doch verändert - also doch falsch gesehen wurde.
Oder aber - und das scheint mir folgerichtiger zu sein - der alles Erkennende weiß, dass sein perfektes Briefing von der Vergangenheit Ursachen auch für seine Eingriffe in das Geschehen bilden, von denen er weiß, dass sie die zwingenden, alternativlosen Folgewirkungen sind. Er fühlt seine "Freiheit" nicht mehr, er erkennt sie als Illusion, er lebt sie nicht mehr, er ist zum Schattenwurf und Gefangenen der Erkenntnis der Determinierung befördert worden!
Es gibt (theoretisch) ein Maß an Erkenntnis, das dich in eine Form von - dem Leben überlegenen - Unlebendigkeit erhebt. In dem du keine mit den hier uns bekannten Gefühle mehr fühlst und Gedanken mehr denkst. Wer die Vergangenheit und die Zukunft kennt, der wird zu einem außenstehenden Betrachter dieses Systems, das auch unser kleines Leben trägt...

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1) Ceteris paribus heißt "unter (sonst) gleichen Umständen". Die Ceteris-paribus-Klausel ist der wissenschaftstheoretische Wenn-dann-Zusatz, der eine Aussage relativiert. Jeder Gedankenschluss entspringt Bedingungen, die als gegeben gesetzt werden.
2) Steven Hawking geht ebenfalls von einem Determinismus aus.



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