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Die buddhistische Erlösungstheorie



In Bezug auf unser Thema heißt Erlösung die Erlösung von der Angst vor dem Tod. Diese Erlösung impliziert aber auch das Ja zum Leben.

(Der) Buddha hingegen verfolgte ein etwas anders Ziel:
Er nennt "vier heilige Wahrheiten", die da sind:

1) Alles Leben ist Leiden.
2) Leiden entstehen aus Begierden.
3) Die Aufhebung dieser Begierden führt zur Aufhebung des Leidens und zur Unterbrechung der Kette der Wiedergeburten.
4) Der Weg zu dieser Befreiung ist der "heilige achtteilige Pfad": rechtes Glauben, Handeln, Denken, Streben, Gedenken, Reden, Leben, Sich-Versenken.

Wer sich von den Begierden lösen kann, hat sich also von dem Leiden der Welt befreit, der geht ins Nirwana ein. Was wörtlich "die erloschene Flamme" heißt.

Da Buddha die Fortsetzung der seelischen Konsistenz über den Tod hinaus durch die Seelenwanderung unhinterfragt voraussetzt, setzt sich - auch nach ihm - ein Mensch mit Begierden nur in einem Menschen mit Begierden fort. Im Nirwana hat so ein Mensch keinen Platz, d.h. er muss wiedergeboren werden.

Die Seelenwanderung ist eine Theorie, deren Ursprung sich bis in die vedischen Schriften zurück verfolgen lässt. Nach unserer - lebenszugewandten - Vorstellung, ist eigentlich eher sie eine Erlösungstheorie...
Sie geht ganz richtig von einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang der Existenz aus.
Dass eine bestimmte seelische Konsistenz durch Ursachen determiniert ist, leuchtet uns ein. Dass sie aber- auch nach dem Absterben eines Menschen - zwingend in eine Wirkung eingehen muss, in Form einer Wiedergeburt in einem neuen Körper - das scheint doch fehlerhaft gedacht, auf jeden Fall nicht ausreichend erklärt.
Die Beweisnot war aber nicht Buddhas Problem, er setzte die Wiedergeburtenkette als gegeben voraus. Seine Sorge war die Wiedergeburt selbst.
Erst wer den Kreislauf der Begierde und des Leidens erkennt und irgendwann durchbricht, wer also seine Lustempfindungen aus seinem Körper auszuradieren schafft, der wird nicht mehr wiedergeboren, der geht nach seinem Absterben in das ersehnte Nirwana ein. D.h. er darf es nicht ersehnen. Er kennt ja keine Begierden mehr...

Leben ist Leiden. Für Buddha ist das Leben nichts anderes als ein existenzieller Defekt. Der "richtige" Zustand ist der Tod.
Der Lebensmüde, der nicht an die Seelenwanderung glaubt oder an eine Wiedergeburt, braucht sich bloß die Kugel zu geben und er ist erlöst. Für den jedoch, der an sie glaubt, geht das Leben ja in anderen Körpern genauso grausam weiter! Aber Buddha hatte erfreulicherweise das Konzept des Hyper-Suizids entworfen, mit dem der Selbstmord wirklich klappt...

Was uns den Zustand des Leidens nicht überwinden lässt, das ist die Unwissenheit, sagte Siddhartha Gautama, der sich selbst "der Buddha", der Erleuchtete, nannte. Und damit hat er - von seinen "Erkenntnissen" abgesehen - recht.

Der zentrale Gedankenausgang seiner Theorie ist ja, dass die Begierden die Leiden schaffen. Also, so seine Idee, schafft man die Begierden ab! Wer keine Ahnung von den Dingen und ihren Verhältnissen hat, der besetzt gerne Radikalpositionen...
Das Ego, die Begierde, ist aber unser Lebenstrieb!
Die Begierde braucht eben einen Partner, den Verstand, mit dem die wirklichen Leidensursachen bekämpft werden, nämlich das Unwissen von medizinischer Heilung, Landwirtschaft, Land- und Güterverteilung u.s.w.

Oder meinte Buddha mit dem menschlichen Leiden nur das ewige Damoklesschwert des irgendwann mal Sterben-Müssens? Und alle menschlichen Freuden und Genüsse seien trügerisch, weil sie Krankheit, Siechtum und Tod auch nicht verhindern?

Oder prangerte Buddha nur die übertriebenen Begierden an? Nach dem Motto: Wer Reichtum und Luxus nicht mehr braucht, ist auch nicht mehr abhängig davon.

Siddhartha wuchs als Fürstensohn behütet im Reichtum auf, und ihn hatten, so die überlieferte Geschichte, die Not und die Krankheiten außerhalb seines Schlosslebens "tief beeindruckt", vielleicht traumatisiert.
Nach unserer Erkenntnis wäre da solidarische Hilfe angesagt. Gautama hätte da sagen können, Papa, hilf, sonst gibt es eine Palastrevolution!
Er wusste es aber nicht besser. Er hatte die rechte Erkenntnis, die großspurig "Erleuchtung" genannte Erkenntnis, objektiv eben nicht!
So verfolgte er einen anderen Gedankenstrang.

Buddha versuchte es zuerst mit Askese, um seine körperlichen Bedürfnisse runter zu fahren, um sich für andere Dinge in ihm zu öffnen. Um "Erleuchtung" zu erfahren. Er erlangte aber auf diesem Weg nicht das, was er erlangen wollte.
Seinen Geniestreich erlangte er durch seine Tiefen-Meditationen. Einen "Geniestreich", der aber im Widerspruch zu seiner eigenen Lebenspraxis stand. Weil gerne essen auch eine (abhängig machende) Begierde ist... Gerade die "Begierde" nach den Grundmitteln zum Leben trägt in sich die Sollbruchstelle des Leidens; wie ist denn die aus der Welt zu schaffen, wenn nicht durch ein üppiges, gesichertes Angebot?
Mit Stumpf und Stiel das Leben auszurotten, um das Elend zu bekämpfen, das hört sich doch ein wenig an wie ein Schildbürgerstreich...

Bei Regenkatastrophen schafft man nicht den Regen, bei Dürre nicht die Sonne ab, bei Massenarbeitslosigkeit und -armut nicht das Kapital. Es sind die schiefen Verhältnisse, die es gerade zu rücken gilt.

Erkenntnis bricht die Unwissenheit und den ihr anhängenden Zustand des Leids.
Erleuchtung leuchtet, das Nirwana löscht dieses Licht.
Also wird der Erleuchtete - die Theorie der Wiedergeburtenkette logisch durchdacht - die Konsistenz seines Geistes nach seinem Ableben dort weiter leben, wo es weiterleben kann: auf Erden, nicht im Nirwana, HIER!

In unserem Leben ist der Trieb angelegt, Unwissen zu brechen, das Leiden schafft.
Wissen bricht Leiden, also schafft Wissen Nicht-Leiden und letztlich Glück!
Nicht das Nirwana, nicht die bloße Bedürfnislosigkeit! Das müsste eigentlich jeder (wirklich) Wissende so empfinden. Besonders wenn er erleuchtet ist...

Wissen entwächst dem Leben, damit es ihm dient.

Möglich auch, dass Buddhas Tiefen-Meditationen, ihm eine Erkenntnis über das Nirwana von einer begierdelosen aber leider unkommunizierbaren Glückseligkeit brachten. Möglich, dass er sich der Todes-Meditation unterzog, von der Bhagwan auch mal sprach 1), nach der eine (meditierte) Todeserfahrung die Gewissheit vom Nicht-Sterben-Können brächte.
Es ist ja so, dass in den meisten buddhistischen Schulen das Nirwana etwas anderes als das Nichts bedeutet, nämlich ein schon auf Erden zu erreichender Zustand von innerem Frieden und Glückseligkeit.
Wer redet heute von den Buddhisten noch urbuddhistisch? Aber alle berufen sich auf Buddha.
Das Nirwana wird aber (immer noch) durch den Ausbruch aus der Geburtenkette erreicht. Wird ein Buddha nun (doch) nicht wiedergeboren? Es bleibt also dabei: In den Genuss der Wiedergeburten kommt der Unvollkommene, auf einen Buddha wartet nicht das Leben, auf einen Buddha wartet der Tod!

Interessant ist auch Buddhas Friedens- und Liebesethik, die er den Menschen zwecks eines besseren Zusammenlebens lehrte. Hört sich alles ein wenig wie Mr. Christus, 600 Jahre später, an. Auch Buddha gab den Menschen also eine Chance, etwas anderes zu erfahren als nur das Leid. "Niemals in der Welt hört Hass durch Hass auf; Hass hört durch Liebe auf!" Originalzitat Siddhartha Gautama. So redet keiner, der das Leben abgeschrieben hat.


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1) siehe Artikel "Die Nichtkommunizierbarkeit von Gotteserfahrung"





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