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Das sogenannte "Böse"



Ist ein Tier böse? Es folgt seinen genetischen Anlagen und macht sein naturgegebenes Geschäft. Es erledigt seine Aufgabe. Der Löwe reißt die Gazelle, und das ist gut.
Das Böse ist offensichtlich eine Kategorie der menschlichen Aktionsbreite. Der Mensch hat Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten, nach Plänen vorzugehen die nicht konkret genetisch vorgezeichnet sind. Sie müssen neu gezeichnet und sie können falsch oder richtig gezeichnet werden. Der Mensch ist das einzige Wesen auf diesem Planeten, das zieluntaugliche Produktionsmuster entwerfen kann, auf handwerklichem, geistigem und sozialem Feld. Darum brauchen Menschen auch Handlungsanleitungen wie Moral und Gesetz. Der Mensch muss als zoon politikon einer Gemeinschaft dienen. Die Gemeinschaft hat Ziele, denen das Individuum sich unterwerfen muss. Wenn es, aus egoistischen oder anderen nicht gemeinschaftsdienlichen Motiven handelt, verfehlt der Mensch seine Aufgabe und handelt schlecht. Er ist gemeinschaftsuntauglich, -destruktiv: „böse“.

Man kann die „böse“ Eigenschaft auch am Individuum messen, also nicht an der Gemeinschaft. Dann ist alles, was dir persönlich nicht dienlich ist, „böse“. So wird Kindern, die noch keinen ausgebildeten Gemeinschaftssinn haben, am ehesten die moralische Kategorie „das Böse“ verständlich gemacht. „Pass auf, der Onkel, die Tante wollen was von dir, das die nicht gefallen kann. Sie sind gegen dein Wohlbefinden – sie sind „böse“. Nach dieser Bezugssetzung des „Bösen“ kann der Begriff sogar in der Tierwelt sinnvoll angewandt werden: Die Gazellenmama sagt zum Gazellenkind: „Halte dich vom Löwen fern – er ist „böse“. Dieses Verständnis kann aber nur für die Gazellen gelten. Der Löwe selber hat nach seinem Verständnis nur Hunger, und die Gazelle ist ein erfreuliches Mahl.

Die Religion hat nun das „Böse“ aus seinen realen Bezügen entfremdet und zu einer eigenständigen persönlichen Größe gemacht – und zwar den Teufel, Iblis, Luzifer – wie auch immer. Sie hat wahrgenommene Phänomene nicht in seinen Ursachen begriffen, die aus unseren höchst eigenen Gefühlen und Entscheidungsgewalten ausgehen und gruppendynamische Handlungsabläufe haben. Der Mensch hat „das Böse“ zu einem Gott gemacht, weil er kausalen Verflechtungen mit den Menschen nicht begriff! „Das Böse“ ist keine göttliche, keine tierische sondern einzig eine menschliche Kategorie!

Die Religion versteht „das Böse“ als eine Verführungskraft, die Option einer falschen und – für sich oder andere - destruktiven Entscheidung einzugehen, die dem Menschen möglich ist. Dieses Weltbild lässt die Tatsache außer acht, dass falsche Entscheidungen nicht nur aus purer Gehässigkeit, sondern auch aus Dummheit oder Ahnungslosigkeit gefällt werden können. Und die Gehässigkeit selber kann ein Gefühl berechtigter Rache sein, die in gezielte Handlung eingeht. Sie kann auch ein Gefühl sein, dass in unberechtigte Handlung eingeht und einen anderen Weg der Entspannung finden muss. Das sogenannte „Böse“ misst die verursachte Destruktion an einem zu schützenden Objekt. Dieses Objekt kann das Kollektiv und es kann aber auch ein Individuum sein.

DEM oder DER sogenannten „Bösen“ wird das POTENZIAL des „Bösen“, einer „bösen“ Handlung, unterstellt.

Die Religion setzt dem „Bösen“ ein Himmelswesen vor, das die Macht dazu hat, die Menschen zu verführen, wenn sie von „Gott“ ablassen. Der Gestaltungsablauf der menschlichen Psycho-Energetik läuft aber aus den Menschen heraus und fällt auf die Menschen zurück. Ein Teufel oder eine metaphysische Kraft „des Bösen“ ist da nicht zwischen- oder vorgeschaltet. DAS ist einzig die Realität der menschlichen Seelenleben und des kollektiven menschlichen Gefühlshaushaltes – und damit auch des sogenannten „Bösen“.





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