Ich überlegte, wenn mein Vater zu einem anderen Tag eine andere Frau kennen gelernt hätte, hätte er andere Kinder mit anderen genetischen Zusammensetzungen gezeugt. Ich wäre nie entstanden. Ein schauderhafter Gedanke, ein schauderhaftes Gefühl!
Was ist aber mit den verhinderten Begegnungen, mit den Milliarden, eher unendlich vielen verhinderten Befruchtungen und den Menschen, die dadurch nicht zustande kamen? Sie haben keine Gelegenheit, sich zu beschweren. Müssen sie auch nicht. Sie sind nicht da: Kein Leid, keine Langeweile, keine Gefangenheit, keine Angst, kein Schmerz. Im Zustand des Nichts ist das Nichts o.k.!
Wir aber haben ein beklemmendes Gefühl bei der Vorstellung der verpassten Befruchtung, die unser Leben verhindert hätte.
Ähnlich strukturiert ist auch unsere Angst vor dem Tod.
Dein Herz hört auf zu schlagen.
Dein Bewusstsein verschwindet.
Dein Körper verfault, die Würmer lassen es sich schmecken...
Eine schreckliche Vorstellung, wir denken lieber nicht daran!
Aber im Tod selber gibt es keine Angst.
Es gibt nur die Angst vor dem Nichts.
Es ist die Unfähigkeit unserer Gefühle, sich in andere Bedürfniszusammenhänge zu bringen. Unser bewusstes Gefühl kennt nur das Jetzt, den Jetzt-Raum, also den Raum der Erinnerung.
Es kann keiner Extrapolation über diesen Raum hinaus folgen. Das kann nur der Verstand.
Beispiel:
Es ist noch nicht lange her, da schwammen wir im Fruchtwasser der Gebärmutter unserer holden Mama herum. Alles easy, keine Tränen, keine Schule, keine Arbeit, kein Leid. Eine schöne Vorstellung? Eher nicht. Aber damals, als Fötus, war das o.k.!
Nun wissen wir aber, was aus diesem Fötus wurde: Das so sehr geliebte Wesen ICH.
Was aus uns nach dem Tod wird, das wissen wir aber nicht.
Angst ist eigentlich ein Reflex des Unterbewusstseins und des Unbewussten, der sagt: Geh diesen Weg nicht!
Es gibt aber keinen anderen Weg als den zum Tod.
Die Angst vor dem Tod hat nicht die Funktion - wie jede andere Angst - einen besseren Weg zu weisen. Sie hat eine andere Funktion.
In dem Kapitel "Die Religion als Zufluchtsstätte vor Unwissenheit und Angst" hatten wir uns schon damit beschäftigt, dass Unwissenheit Ängste schürt.
Es können archaische Symbole oder Verdrängungen sein, die der Mensch nicht einordnen, nicht erkennen, kann und die ihm daher Angst machen.
Möglich, dass die Angst vor dem Tod die Funktion hat, das Leben zu leben solange es geht, um der Planerfüllung der Evolution zu dienen.
Möglich aber auch, dass das Unwissen vor der Wirkung des Todes und von der Beziehung des Lebens zum Tod uns diese riesengroßen Ängste schürt, wie dem ängstlichen Kind im dunklen Wald die Geister überkommen - die es gar nicht gibt...
Die nächsten Artikel weisen uns Schritte in das Wissen, mit der wie die Dunkelheit unserer Angst erhellen können.
