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Der Sinn des Alterns



Altern beginnt ja schon mit der Geburt, eigentlich schon mit der Befruchtung.
Hier ist mit Altern dem gemäß das Älterwerden, aber auch das Altwerden gemeint.

Jedes Alter hat seine Primäraufgabe:
- Das Aufbauen des Egos
- Das Erkennen und Einfühlen in das Du, die Hingabe in das Wir
- Hingabe und gleichzeitiger schrittweiser Rückzug aus dem Wir, die immer deutlichere Positionierung im Außen-Ich. 1)
Die ersten zwei Primärfelder umspannen die Entwicklungsprozesse, das dritte Primärfeld umspannt den Prozess der Reife bis ins Alter hinein.
Der Entwicklungs- und Reifeprozess ist ähnlich dem Erkenntnis-Prozess der Menschheit, der sich auch aus der Egozentrik (egozentrische Weltbilder) in die Außenbetrachtung bewegt.

Diese drei Felder sind natürlich nicht genau zeitlich zu umreißen, alle drei Felder sind im bewussten Leben gleichzeitig vorhanden, nur haben sie ihre Primärpositionierung zu ihrer Zeit.

Es gibt Leute, die die Wir-Bildung nicht gut abschließen, und die Positionierung im Außen-Ich sowieso nicht erreichen.
Es gibt Leute, die ihr Lebtag mit einem schwachen Ego durch ihr Leben laufen und in ihrer Wir-Hingabe und ihrem Objektiv-Sein nie glücklich sind.
Alle drei Felder beanspruchen ihre Phase der Primärberechtigung. Wem dieser Anspruch unterdrückt wird, und wer ihn an sich unterdrückt, der ist in seiner Entwicklung neurotisch gebremst.


Der körperliche unabwendbare Naturprozess gibt die Entwicklungsstufen schon vor, und im Fall halbwegs günstiger Lebensumstände ist es so, dass auch "die Seele" seine volle Entfaltung an dem Aufbau dieser Entwicklungsphasen orientiert.

Das Kind ist klein und süß und weckt den Beschützerinstinkt der Erwachsenen. Es ist kein gleichberechtigter Partner. Es darf primär "Ich" sein. Viel deutlicher, als der Erwachsene das darf und - in der Regel hoffentlich auch - nicht anders will.

Im Heranwachsenden erblüht die sexuelle Attraktivität und der Partner- und Paarungswunsch. Das Lieben- und das intensive Kennenlernen des "Du" beginnt.
Die Abnabelung vom Elternhaus findet statt, er sucht gleichberechtigte Bezugspersonen, die "Clique". Nicht nur im Partner sucht er (sucht sie) Hinwendung zum "Wir" und die Erfahrung des "Wir". Diese Erfahrungen wecken das Mitgefühl, die Liebe, die Lust am Du und Wir.
Freundschaften kennt natürlich auch schon das Kind. Auch hier gilt, dass die Entwicklungsphasen sich überlappen, aber verschieden gewichtet sind.

Dann kommt irgendwann das Alter.
Die Körper werden für die Sexualität immer unattraktiver.

Deine Lebenserfahrung - die voraus gesetzt - hat dich schon mit der Du- und Wir-Liebe immer mehr in dein Außen-Ich transportiert.

In einem Menschenleben ist der Reifeprozess des Alterns nach den heutigen Maßstäben bei weitem problematischer als die Geschlechtsreife, die Pubertät.
Unser ganzes Denken ist auf eine bestimmte Zeit des Lebens eingerichtet, die wir als ihre Hoch-Zeit empfinden: Die körperliche Schönheit, das körperliche Begehren, die Partnerschaften, die Sexualität.
Warum?
In diese Ecke treibt uns die ständig verdrängte Angst vor dem Tod.
Sie macht uns blind für die Aufgaben, die uns das Leben im Alter stellt, und blind für ihre Lusterfahrungen, die als Wegweiser für ein Leben der in uns angelegten Lebensplanung warten, wie alle anderen bisher erlebten guten Gefühle das in ihrer Funktion ebenfalls taten.
Das Leben weist uns mit Glücksempfindungen den richtigen Pfad in das Leben rein, das Leben entlang und aus dem Leben raus.
Und das exakt ist auch der Sinn des Alterns.
Altern realisiert - aber nicht in der Radikalität des Todes - einen Abschied. Und einen Beginn. Altern realisiert nichts anderes als den notwendigen, immer währenden Prozess der Veränderung. Es gibt keine besondere Hoch-Zeit des Lebens, die sich als solche von anderen Phasen unterscheidet. Jeder Zeit-Punkt des Lebens ist die Hoch-Zeit des Lebens. Denn Leben ist immer Hoch-Zeit, Gegenwart. Der Rest ist vergeistigte Vergangenheit.2)

Panik kann ausbrechen, ein Leben nicht, falsch gelebt oder verpasst zu haben - die hochwohlberühmte Torschlusspanik der Midlife-Crisis.
Man kennt die Lust mancher betagter Herren, mit Mädchen gerne noch ein paar eckige Ruden drehen zu mögen, die ihre Enkelinnen sein könnten. Die Lust der Greisinnen auf junge Knaben scheint nicht so ausgeprägt zu sein.

Manche Dinge, viele Dinge mögen nicht mehr aufzuholen sein, vielleicht. Damit findet man sich dann eben ab.
Die Uhr tickt unerbittlich, und jeder ist gut beraten, sein Leben hier und heute zu leben, nach der Maßgabe des Lebens zu leben, vom Ego ins Außen, soweit das eben geht.



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1) siehe Artikel: "Das Außen-Ich"
2) siehe Artikel: "Materie, Geist und Leben"




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